Wunsch und Wirklichkeit

Wird es ein gutes Jahr? Ein schlechtes? Wie wird sich Deutschland verändern? Wir beantworten schon jetzt die entscheidenden Fragen aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Sport. Ganz unverbindlich, versteht sich.

Unternehmen Zieht die Deutsche Bahn nach Hamburg um? Nein. Die Widerstände sind zu groß. Zum Veto der Regierung kommen Bedenken in Hamburg. Der Paketdeal – für eine Verlagerung der Zentrale von Berlin an die Elbe gibt es Anteile an zwei städtischen Unternehmen – ist in der Bürgerschaft umstritten. Claudia Wanner

Bleibt Bernd Pischetsrieder VW-Chef? Ja. Denn mit Markenchef und Chefsanierer Wolfgang Bernhard hat er eine perfekte Rollenverteilung gefunden: „good cop, bad cop“. Nur Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch kann das Team entzweien. Mit ihm muss der VW-Chef Frieden schließen. Kristina Spiller

Rutscht General Motors in die Insolvenz? Nein. Der Konzern kann keinen Insolvenzantrag stellen, weil kein Mensch von einem insolventen Konzern Autos kaufen würde. Zu groß ist das Risiko wertloser Garantien oder unmöglicher Reparaturen in der Zukunft. Fazit: GM muss sich ohne Gläubigerschutz sanieren – oder untergehen. Thomas Clark

Wird Madeleine Schickedanz KarstadtQuelle von der Börse nehmen? Gut möglich. Im Mai 2005 hat die Großaktionärin die 50-Prozent-Marke überschritten, mittlerweile hat sie schon knapp 60 Prozent. Insider glauben, dass Schickedanz plant, den Konzern aufzuspalten. Mit dem Verkaufserlös könnte die Aktionärin ihre hohen Schulden bei der Privatbank Sal. Oppenheim tilgen. Christiane Ronke

Übernimmt Springer Pro Sieben Sat 1? Nein. In der zweiten Januarwoche wird das Bundeskartellamt einen Untersagungsbescheid an Springer schicken. Daraufhin bemüht sich der Verlag um eine Sondererlaubnis bei Wirtschaftsminister Michael Glos. Der ist zwar grundsätzlich geneigt. Doch gleichzeitig wachsen die Ängste vor der Übermacht Springers sowie Zweifel an der Finanzierung der Übernahme. Als sich das Ministererlaubnisverfahren wegen der politischen Diskussion verzögert, nimmt Konzernchef Mathias Döpfner das zum Anlass zum Verzicht. In einer emotionalen Rede kritisiert er das provinzielle Denken in Deutschland und kündigt an, dass Springer nur noch international expandieren wird. Lutz Meier, Isabell Hülsen

Politik

Wird Angela Merkel populär? Auf jeden Fall deutlich beliebter als bisher. Ist ja so schwer nicht. Das bringt schon allein die tägliche Berichterstattung über Bundeskanzlerin-Entscheidungen mit sich. Denn die vermitteln die einfache Botschaft: Sie kann es! Abgöttisch wird Angie zwar auch im nächsten Jahr nicht geliebt. Aber es ist unwahrscheinlich, dass der politische Refrain schon 2006 lautet: „Angie, you’re beautiful, but ain’t it time we said good-bye?“ Peter Ehrlich, Margaret Heckel

Beschleunigt sich das Wirtschaftswachstum? Ja. Der Export brummt und Investitionen im Inland werden durch die geplante Verbesserung der Abschreibebedingungen steigen. Die WM hebt die Konsumlaune in der ersten Jahreshälfte, in der zweiten sorgt die drohende Mehrwertsteuererhöhung 2007 für Panikkäufe. Die Risiken: Ölpreisschocks, Euro-Höhenflüge, Konsolidierungsrunden der Regierung. Sebastian Dullien, Thomas Fricke

Kommt die Wende auf dem Arbeitsmarkt? Nein. Statt bei der besseren Auftragslage neue Mitarbeiter einzustellen, werden deutsche Unternehmen 2006 eher Leiharbeit nutzen, Zeitkonten ausfüllen und Überstunden anordnen. Maike Rademaker

Wird der Irak von Terror und Chaos befreit? Nein, aber die Lage wird sich immerhin bessern. Hoffnungsvollstes Indiz dafür waren die Parlamentswahlen im Dezember. Die Wahlbeteiligung von etwa 70 Prozent stellt sicher, dass künftig alle drei Volksgruppen – Schiiten, Kurden und die sunnitische Minderheit – in Bagdad mitregieren werden. Damit wächst der Druck auf die sunnitischen Terrorgruppen, ihre Anschläge einzustellen.Olaf Gersemann

Kommt es zur Konfrontation des Westens mit Iran? Nein. Die Eskalation wird abgewendet durch interne Kräfte in Iran. Religionsführer Chamenei, konservative Parteifreunde und Ex-Präsident Rafsandschani üben schon jetzt Druck auf Präsident Ahmadinedschad aus, seinen Stil zu mäßigen. Und der muss seine Wahlversprechen vom Wirtschaftsaufschwung einlösen – was ihm kaum gelingen wird, wenn er seinen außenpolitischen Crashkurs fortsetzt. Melanie Amann

Hält der für die Weltwirtschaft so wichtige Chinaboom an? Ja. Die chinesische Regierung hat die Gefahr einer wirtschaftlichen Überhitzung samt Inflation in den Griff bekommen. Investitionen, Exporte und Konsum steigen weiter kräftig. Größtes Risiko: Peking lässt sich von den USA zur weiteren Aufwertung des Renminbi erpressen. Sebastian Dullien

Finanzen

Verlässt Josef Ackermann die Deutsche Bank? Erst mal nicht. Der Aufsichtsrat hat eine Ehrenerklärung abgegeben: Nur Ackermann selbst oder seine rechtskräftige Verurteilung im Mannesmann-Prozess führen zur Trennung. Ein geeigneter Nachfolger ist auch nicht in Sicht. Ob Ackermann bis zum Showdown durchhält, hängt von seiner Kampfkraft ab: Er wird viel Häme einstecken müssen, sobald der Prozess wieder losgeht. sven clausen

Schafft Michael Diekmann den Umbau der Allianz? Ja, aber es wird sehr wehtun. Ob Diekmann das Ende seiner Radikalkur selbst miterleben wird, ist die Frage. Der Widerstand unter den Mitarbeitern und im Management ist schon jetzt erheblich. Und 2006 wird ein langes, entbehrungsreiches Jahr. Herbert Fromme

Erhöht die EZB die Zinsen? Ja. Die Europäische Zentralbank hat zwar, nachdem sie im Dezember die Zinsen angehoben hat, deutlich gemacht, dass sie keine Serie von Zinserhöhungen plant. Das bedeutet aber nicht, dass sie eine weitere Straffung der Geldpolitik ausschließt. Ob der Leitzins noch einmal steigt, hängt davon ab, ob die Bank Gefahren für die Preisstabilität sieht und der Meinung ist, die Konjunktur könne eine weitere Erhöhung verkraften. Nicht zuletzt angesichts der hohen Liquidität in der Euro-Zone ist wahrscheinlich, dass die EZB Inflationsrisiken sieht. Auf konjunktureller Seite gibt es Anzeichen für eine Stabilisierung. Damit dürften die Voraussetzungen für eine Erhöhung um insgesamt 0,25 bis 0,5 Prozentpunkte bis Ende des Jahres gegeben sein. Mark Schieritz

Treiben Private-Equity-Investoren weiter den Umbau der deutschen Industrie voran? Ja. 2006 werden sie sich den Mittelstand vornehmen. Denn viele ehemalige Konglomerate wie Eon oder DaimlerChrysler sind ausverkauft. Und Mittelständler verlieren zunehmend ihre Scheu vor den Investoren. Angela Maier

Platzt die Rohstoffblase? Nein. Es gibt nämlich keine. Bei vielen Gütern wie Öl, Gas oder Gold kann das Angebot seit langem nicht mehr mit der wachsenden Nachfrage – vor allem aus Asien – mithalten. Zu einem Crash an den Rohstoffmärkten kommt es nur, wenn die Nachfrage abrupt sinkt. Also im Falle einer globalen Wachstumskrise. Claus Hecking

Nimmt der Dax die 6000-Punkte-Marke? Ja. Die deutschen Aktien sind im Vergleich zur angelsächsischen Konkurrenz unterbewertet. Zudem haben sich viele deutsche Firmen saniert und die sprudelnden Gewinne werden für Zukäufe oder Aktienrückkäufe genutzt – auch das poliert die Kurse. Ein Plus von 25 Prozent wie 2005 schafft der Dax 2006 zwar nicht. Aber um auf 6000 Punkte zu klettern, müsste er nur noch 11,5 Prozent zulegen. Das klappt. Tim Bartz

Wissenschaft, Kultur & Sport

Beruhigt sich das Klima nach den Wetterkatastrophen des Jahres 2005? Das können Klimaexperten nicht sicher vorhersagen. Doch zeigen ihre Modelle schon jetzt, dass der heute messbare Treibhauseffekt die Wahrscheinlichkeit für Hitzesommer, Wirbelstürme und Überflutungen deutlich erhöht. Parallel starten im kommenden Jahr die ersten Pilotprojekte, um das Treibhausgas Kohlendioxid sicher im Erdreich zu speichern. Doch wirkt sich das Wegschließen des Klimakillers nur langfristig abkühlend aus, frühestens ab 2030. Martin Virtel

Treten die Rolling Stones bei ihrer Deutschlandtour in Sauerstoffzelten auf? Im Prinzip ja – wenn Gitarrist Ronnie Wood sie trotz Alkoholeinflusses findet. Laut Management wird die Band jedoch nicht in Altersheimen auftreten und keine Rheumadecken an ihren Merchandisingständen verkaufen. Willy Theobald

Wer wird Weltmeister? Ganz klar: Deutschland! Wir werden uns der Welt mit der am besten organisierten Fußball-WM seit 1974 präsentieren. Gespielt wird in den modernsten Stadien, mit dem effizientesten Catering, der besten Beschilderung, den nettesten Hostessen und den saubersten Zügen. Und sportlich? Na ja, als Weltmeister der Gastgeber lässt unsere Nationalmannschaft anderen Teams höflich den Vortritt. Erst den Kleinen wie Costa Rica, dann den Großen wie Brasilien. Das ist doch Weltspitze, oder?Axel Kintzinger

Bild(er):

Ach, wär das schön: Bundestrainer Jürgen Klinsmann in einer Montage mit dem WM-Pokal. Bei einem Sieg sollten Deutschlands Firmen am Morgen des 10. Juli leichte Ausfälle erwarten

Quelle: Financial Times Deutschland


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