Allianz setzt auf Vermögensschutz

Industrieversicherer des Konzerns baut Haftpflichtgeschäft aus · Interview mit AGCS-Vorstand Jörissen

Von Herbert Fromme, München Der Allianz-Konzern will künftig vermehrt große Konzerne gegen Vermögensschäden versichern. „Der Schaden der Zukunft ist in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft der Vermögensschaden, auch wenn Sach- und Personenschäden weiter eine große Rolle spielen“, sagte Hermann Jörissen im FTD-Interview. Er ist Vorstandsmitglied des Spezialversicherers Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), der weltweit Kunden mit mehr als 500 Mio. Euro Umsatz betreut. Bis 2006 war er als Gerling-Vorstand zuständig für die Haftpflichtversicherung des Kölner Konzerns, nach der Übernahme Gerlings durch Talanx-HDI ging er.

Vermögensschäden entstehen durch Ansprüche von Dritten gegen die Unternehmen – wegen fehlerhafter Produkte, Managementfehlern, Umweltschäden oder aus anderen Haftungsansprüchen. Der Bedarf für Versicherungen in diesem Feld sei in vielen Fällen größer als das Angebot, sagte Jörissen. Das gelte zum Beispiel für die Managerhaftung (D&O). Gerade Unternehmen mit US-Risiken hätten mehr Bedarf an Deckung als der Markt biete. Das sei so ähnlich wie in der Pharmaindustrie. „Die Pharmabranche braucht Versicherungskapazität von mehr als 10 Mrd. Euro, und der Markt bietet höchstens 2,5 Mrd. Euro.“

In solchen Feldern sieht er Geschäftschancen für AGCS. „Natürlich müssen wir da Dinge tun, die wir früher nicht getan haben, für die wir wenig Zahlen haben und keine 100-jährige Schadenstatistik.“ Zwar verfolge der Konzern „keine aggressive Strategie“, will aber in diesen Marktbereichen „schneller sein als die Konkurrenz“‚ sagte er. „Natürlich kann man in einer Sparte wie D&O Geld verlieren, man hat aber auch die Chance, gutes Geld zu verdienen“, sagte er. Insgesamt will er den Bereich Financial Lines, zu dem auch die Managerhaftung (D&O) gehört, stark ausbauen. Neuer Chef ist Hartmut Mai. Zur Allianz kam er nach einem Jahr beim Makler Marsh, davor war er zwölf Jahre bei der American International Group (AIG).

Jörissen ist als Chief Underwriting Officer weltweit für Risikobewertung und Preise zuständig. AGCS-Chef Axel Theis hat – gegen alte Allianz-Traditionen – beim Umbau der Gesellschaft bewusst Spitzenpersonal von außen in den Vorstand geholt. Neben Jörissen sind das Finanzchef Wilfried Verstraete, bis 2006 Chef des Kreditversicherers Atradius, und IT-Vorstand Robert Tartaglia, der lang bei AIG war.

Der Industrieversicherungsmarkt sei immer noch weich, sagte Jörissen. Damit bezeichnet die Branche eine Niedrigpreisphase. „Wir sind weiter im Abschwung bei den Preisen“, sagte er. „Bei Standarddeckungen mehr als bei Spezialversicherungen.“ Trotzdem sei er zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen in 2007. Im Vorjahr hatte die AGCS einen operativen Gewinn von 404 Mio. Euro erzielt, 2005 hatte der Wirbelsturm „Katrina“ für einen Verlust von 254 Mio. Euro gesorgt.

Bei jedem Konzern, der gleichzeitig Privat- und Geschäftskunden versichere, sei die Industrieversicherung unter genauer Beobachtung, sagte Jörissen. „Wir stehen vor der Herausforderung, unsere Ergebnisse weniger volatil und berechenbarer für den Aktionär zu machen“, sagte er. „Deshalb will ich mehr Haftpflicht zeichnen, weil das zu einem größeren Volumen an langfristigen Schadenreserven führt.“ Damit sei ein Industrieversicherer wetterfester, als wenn er nur auf das kurzfristige Geschäft mit Feuer- und Sturmdeckungen setze. „In den ersten neun Monaten war unser Haftpflichtanteil schon 17 Prozent an den Prämieneinnahmen, im Vorjahr erst 14 Prozent.“

Die vielen Neuankömmlinge im deutschen Industrieversicherungsmarkt stören die AGCS nicht besonders. „Diese Gesellschaften bringen Kapazität, können bisher aber nur selten als führende Versicherer Programme führen“, sagte er.

Bild(er):

Hermann Jörissen wechselte 2006 nach 23 Jahren bei Gerling zum Konkurrenten Allianz – FTD/Martin Hangen

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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