Bahn stützt Verkehr von Güterzügen

Gefahr für Fahrplan des Personenfernverkehrs · Gründung einer Gesellschaft für Lokführer im Gespräch

VON Kirsten bIaldiga, düsseldorf, Ulf Brychcy, Frankfurt, und Herbert Fromme, Köln Die Bahn will Ausfälle im Personenfernverkehr in Kauf nehmen, um die Güterzüge trotz des Donnerstagmittag begonnenen Streiks am Laufen zu halten. „Wir werden alles versuchen, um die wichtigen Güterzüge fahren zu lassen“, sagte Bahn-Vorstand Norbert Bensel am Donnerstag auf einer Stahltagung in Düsseldorf. Die Bahn werde alles daransetzen, dass kein Hochofen zum Stillstand komme. „Dann steht eher ein ICE, als dass wir nicht mit den wichtigen Zügen durchkommen können“, sagte der Manager, der die Logistiksparte der Bahn verantwortet.

Die Deutsche Bahn zeigt sich bislang entschlossen, den bisher längsten Ausstand in ihrer Geschichte durchzustehen und den Forderungen der Lokführergewerkschaft GDL nicht nachzukommen. Die Tarifgegner rüsteten am Donnerstag auch rhetorisch auf. Während GDL-Chef Manfred Schell verkündete, niemand werde „die GDL und ihre Mitglieder in die Knie zwingen“, warf Bensel der Gewerkschaft vor, den Wirtschaftsstandort Deutschland zu bestreiken.

Im Bahn-Vorstand zirkuliert nach FTD-Informationen inzwischen ein Vorschlag, wie der scheinbar unlösbare Streit um einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer gelöst werden könnte. Es gibt Überlegungen, die Lokführer in eine eigene Servicegesellschaft auszugliedern, ähnlich wie Telekom-Chef René Obermann dies für die Callcenter des Bonner Konzerns durchgeboxt hat – nur mit anderem Vorzeichen. In dieser Gesellschaft könnten alle Lokomotivführer beschäftigt werden, auch jene, die von der Gewerkschaft Transnet vertreten werden. Die Tochterfirma könnte dann einen eigenen Tarifvertrag bekommen und Gehaltssteigerungen, die über denen der übrigen Belegschaft liegen. Noch traut sich Bahn-Chef Hartmut Mehdorn nicht, mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit zu gehen. Die Sorge ist offenbar groß, dass die SPD den Vorschlag sofort attackieren würde, auch wenn die Mitarbeiter in der Servicegesellschaft anders als bei der Telekom Einkommensvorteile hätten. Der Charme eines solchen Modells: Es ginge auf die Forderungen der Lokomotivführer ein, die GDL geriete in Zugzwang. „Dann würde sich zeigen, ob Herr Schell den Mumm aufbringt, einem solchen Vorschlag zuzustimmen“, so ein Beobachter.

Die Industrie fürchtet lange Streiks im Güterverkehr. Die deutsche Stahlindustrie habe die Auswirkungen des Streiks bereits zu spüren bekommen, sagte Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Mit einem Volumen von 80 bis 95 Millionen Tonnen transportiere die Branche mehr als die Hälfte ihrer Materialien mit der Bahn und sei damit größter Kunde des Unternehmens. Falls die Streiks nächste Woche weitergingen, könne die Situation „sehr kritisch“ werden. „Die Schätzungen, die den volkswirtschaftlichen Schaden auf 50 Mio. Euro am Tag beziffern, sind zu niedrig“, sagte er.

Bild(er):

Keinen fahren lassen: Seit Donnerstagmittag bestreiken Mitglieder der Lokführergewerkschaft GDL den Güterverkehr – dpa/Bodo Marks

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Quelle: Financial Times Deutschland


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