Zu viel Auswahl, zu wenig Zeit

Welche Altersvorsorgeprodukte die richtigen sind, ist bei jedem verschieden. Auf Beratung sollte deshalb niemand verzichten

VON Katrin Berkenkopf Die sicheren Tipps zur Altersvorsorge gibt es nicht – wenn es um einzelne Produkte geht. Dazu sind die Lebensläufe zu verschieden, darin stimmen die Experten heute überein. Einige allgemeine Regeln lassen sich dennoch aufstellen. Die wichtigste: „Man sollte so früh wie möglich etwas machen“, sagte Bernd Katzenstein vom Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA), das der Deutschen Bank nahesteht.

Wer mit 25 Jahren schon mit der Altersvorsorge anfängt, sollte vier Prozent seines Bruttogehalts investieren. Bei 35-Jährigen sind es schon sechs bis acht Prozent. Zehn bis zwölf Prozent dann bei denjenigen, die erst mit 50 starten. Auch Flexibilität der gewählten Altersvorsorge gehört zu den wichtigsten Anforderungen. „Die Jungen sollten einfach sparen und in möglichst flexible Produkte investieren, also keine Rentenversicherung. In jungen Jahren kann man Vermögensaufbau und Altersvorsorge nicht trennen“, betonte Katzenstein.

Doch es kursieren auch Faustregeln für die Wahl der Anlage für den Ruhestand, etwa „100 minus Lebensalter gleich Aktienanteil am Ersparten“. Der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) zum Beispiel propagiert diese Formel. „Für den langfristigen Vermögensaufbau, und nichts anderes ist ja private Altersvorsorge, sind Sparpläne mit Investmentfonds der Königsweg“, sagte BVI-Expertin Gabriele Wetzel. Jüngste Auswertungen des Verbands hätten bestätigt, dass über die vergangenen 30 Jahre mit solchen Plänen eine jährliche Wertsteigerung von zehn Prozent erreicht worden sei.

Verbraucherschützer und Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein bleibt bei solchen Regeln skeptisch. „Es gibt keinen Königsweg“, sagte der Referent für Altersvorsorge und Geldanlage beim Bundesverband der Verbraucherzentralen. Entscheidend für die künftigen Rentner sei deshalb vor allem, „unabhängige Beratung einzuholen“.

Gerade darauf verwenden viele Deutsche aber nur ungern ihre Zeit. Eine Studie für die Commerzbank ergab 2005, dass Verbraucher 20 Stunden in die Planung ihrer Altersvorsorge investierten, für ein neues Auto nahmen sie sich dagegen durchschnittlich 37 Stunden Zeit. Das hat sich nicht verändert, meint Markus Krebber, Bereichsleiter Vermögensanlage und Vorsorge im Privatkundengeschäft der Bank. „Dass jemand aktiv nach Altersvorsorgeberatung sucht, ist selten.“

Die Einführung der Rürup- und Riester-Rente habe der Bank aber neue Argumentationshilfen gegeben, sagte Krebber. Statt einfach die drohende Rentenlücke zu beschwören, könne man jetzt dafür werben, sich staatliche Zuschüsse nicht entgehen zu lassen. Junge Menschen sollten aber vor der Rente noch ein anders Risiko absichern. „Mit 20 oder 25 Jahren würde ich mir mehr Sorgen um die Berufsunfähigkeit machen als um die Altersvorsorge“, sagte Krebber.

Gutverdiener sparten signifikant mehr für das Alter, so Krebber. Sie investierten dabei allerdings weniger in die klassischen Vorsorgeprodukte als in den allgemeinen Vermögensaufbau. Leitende Angestellte oder Geschäftsführer seien zudem oft über betriebliche Altersvorsorge zusätzlich abgesichert, die in den meisten Fällen auch beim Wechsel des Arbeitgebers mitgenommen werden könne. Auch unter Akademikern gibt es aber viele, die auf ihr künftiges Gehalt oder eine Erbschaft vertrauen und wegen unsicherer Zukunftsaussichten kaum an Altersvorsorge denken, ergab eine Untersuchung des DIA. Dabei müssen die Besserverdienenden wegen der Deckelung der staatlichen Rente über die Beitragsbemessungsgrenze deutlich mehr sparen, um das Niveau des letzten Gehalts halten zu können.

Immer wieder zeigen Umfragen, dass sich viele Menschen mit der Planung der Altersvorsorge überfordert fühlen. „Es ist ein übles Vorurteil, dass Altersvorsorge so schrecklich kompliziert ist“, meinte dagegen DIA-Sprecher Katzenstein. Allerdings sei das finanzielle Basiswissen in Deutschland deutlich niedriger als in anderen Ländern.

„Altersvorsorge scheint ein Argument zu sein, mit dem viele ihr Produkt an den Mann und die Frau bringen wollen“, sagt Verbraucherschützer Kleinlein. So würden selbst Geringverdiener mit der Aussicht auf Steuerersparnis in Verträge gelockt, die sich für sie nicht rentieren. Auch die Tatsache, dass nur ein Drittel der lang laufenden Rentenversicherungsverträge bis zum Schluss durchgehalten werden, zeige Mängel in der Beratung. „Da ist es offensichtlich nicht das passende Produkt gewesen.“

Die Beratungsqualität werde sich durch die Vermittlerrichtlinie und die Richtlinie für Märkte in Finanzinstrumenten (Mifid) verbessern, hofft Kleinlein. Am Ende rät er vor allem eines: „Man soll nur das abschließen, was man selbst versteht.“

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www.ftd.de/vorsorge Der Altersarmut entgegenwirken

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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