Mehr Risiko in Übersee

Geschäfte mit Firmen in den USA sind für Exporteure gefährlicher geworden. Lieferanten müssen fürchten, dass immer mehr Abnehmer in den Staaten ihre Schulden nicht zahlen. In Europa kommen die Kunden ihren Pflichten pünktlicher nach

Von Patrick Hagen und Lena Sauer Für Unternehmen mit Kunden in den USA wächst die Gefahr, dass sie auf unbezahlten Rechnungen sitzen bleiben. „Das Ausfuhrrisiko steigt“, sagt Benoît Claire, Vorstandsvorsitzender des Kreditversicherers Coface Deutschland. Auch andere Kreditversicherer erwarten, dass sich in den USA und den mit ihnen wirtschaftlich eng verbundenen Staaten Zahlungsausfälle häufen werden.

Skeptisch betrachten sie vor allem das Baugewerbe in den Vereinigten Staaten, das unter der schlechten Stimmung auf dem Immobilienmarkt leidet. Nachdem der Markt für zweitklassige Hypothekenkredite in den USA im Frühjahr vergangenen Jahres zusammengebrochen ist, sind auch die Preise für Privathäuser stark gesunken. Das trifft vor allem Bauunternehmen – und ihre Lieferanten. Will ein Unternehmen Maschinen an eine US-Baufirma liefern und dafür eine Kreditversicherung abschließen, muss es jetzt deutlich höhere Prämien für die Absicherung der Rechnung zahlen.

Auch verbrauchernahe Branchen wie der Einzelhandel werden dieses Jahr in den USA unter Druck geraten, erwartet Norbert Langenbach, Vorstandsmitglied von Coface. „Wir rechnen damit, dass die Privathaushalte im Konsum zurückhaltender sein werden.“

Kreditversicherer sichern Hersteller und Lieferanten dagegen ab, dass ihre Kunden wegen einer Insolvenz die Rechnung nicht begleichen können. Kann das Unternehmen nicht zahlen, springt der Versicherer ein. Außerdem liefern die Anbieter Unternehmen Informationen über die Zahlungsfähigkeit ihrer Abnehmer. Bevor sie ein Risiko übernehmen, prüfen sie die Bonität jedes einzelnen Kunden. Dafür unterhalten sie Datenbanken mit Firmeninformationen und haben in vielen Ländern eigene Experten vor Ort. Deshalb wissen Kreditversicherer gut über die Lage der Weltwirtschaft Bescheid. Häufen sich die Zahlungsausfälle in einem Land, erwarten sie, dass auch das Wirtschaftswachstum nachlassen wird.

Genau das beobachten Kreditversicherer jetzt: „In den ersten drei Monaten dieses Jahres haben wir eine Steigerung der Schadenfälle festgestellt“, sagt Michael Karrenberg, Risk Services Director beim niederländischen Kreditversicherer Atradius. Er erwartet, dass der Abschwung in den USA exportorientierten Unternehmen zu schaffen machen wird. Die Vereinigten Staaten sind für deutsche Unternehmen hinter Frankreich der wichtigste Handelspartner. Außerdem müssen Exporteure, die in kritischen Branchen tätig sind, damit rechnen, dass die Versicherer genauer hinsehen und nicht mehr jedes Geschäft absichern. „Baurisiken wollen wir nicht mehr in dem Umfang wie bisher“, sagt Langenbach. „Wo wir im Vorjahr 100 Prozent übernommen haben, zeichnen wir jetzt vielleicht nur noch 80 Prozent.“

Die Hersteller bekommen die Krise bereits zu spüren. Abnehmer, auf die das Unternehmen nicht so leicht verzichten könne, verlangten längere Zahlungsziele, sagt Ferdinand Röhrl, Leiter Financial Services beim weltweit tätigen Funk- und Messtechnikhersteller Rohde & Schwarz in München. „Es ist spürbar, dass wichtige Kunden sich auf Kosten des Lieferanten finanzieren“, sagt er.

Kaum Verschlechterung in Europa

Die EU ist für deutsche Firmen der wichtigste Absatzmarkt. Für die meisten europäischen Staaten sehen die Kreditversicherer noch kein erhöhtes Insolvenzrisiko. „In Europa wird nach wie vor pünktlich bezahlt“, sagt Langenbach. Ausnahmen seien Großbritannien, Irland und Spanien. Irland sei stark abhängig von Exporten in die USA. „Mehr als zehn Prozent der irischen Exporte gehen in die USA“, sagt Langenbach. In Spanien und Großbritannien gebe es ähnliche Krisen auf dem Häusermarkt wie in den USA. „Wir sehen dort eine deutliche Verschlechterung in der Baubranche“, sagt auch Karrenberg von Atradius.

In Mittel- und Lateinamerika sowie in Kanada rechnen die Kreditversicherer wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Länder von den USA mit einer steigenden Zahl von Insolvenzen. „Ausgehend vom amerikanischen Markt gibt es eine gestiegene Gefahr von Zahlungsausfällen“, sagt Langenbach. Auch bei Lieferungen nach Japan besteht wegen der hohen Exportquote des Lands in die USA die Gefahr, dass Kunden die Rechnungen nicht mehr bezahlen können.

Von der Krise kaum betroffen sind nach Ansicht der Kreditversicherer die Wachstumsmärkte China und Indien, ebenso wie Osteuropa. Auch Russland ist bislang kaum in Mitleidenschaft gezogen. „Hier sehen wir keine Verschlechterung“, sagt Langenbach. Häufig sei es in diesen Ländern aber schwierig, überhaupt solide Finanzinformationen von Firmen zu bekommen.

Gerade an Russland knüpfen Unternehmen und Kreditversicherer hohe Erwartungen. Die Entwicklung im Land sei positiv, sagt Karrenberg. „Wir sehen, dass russische Unternehmen immer transparenter werden und sich den westlichen Standards anpassen.“ Vor allem große russische Unternehmen reagierten damit auf die Anforderungen von Finanzmärkten und Lieferanten. Früher haben Firmen, die nach Russland exportierten, auf kurzen Zahlungszielen bestanden, um das Risiko von Zahlungsausfällen zu minimieren. Mittlerweile gebe es die Tendenz, den Kunden längere Fristen einzuräumen, beobachtet Karrenberg.

Seit immer mehr deutsche Firmen ins boomende Russland exportieren, ist der Markt auch für Kreditversicherer interessant geworden. Atradius sichert seit dem Jahr 1995 Lieferungen deutscher Kunden nach Russland ab. Seit fünf Jahren wachse die Nachfrage stark, sagt Karrenberg. „Der russische Markt ist attraktiver geworden, das zeigt auch das Antragsverhalten der Kunden.“ Im vergangenen Jahr habe sich die Zahl deutscher Unternehmen, die Anträge für eine Exportkreditversicherung nach Russland gestellt haben, mehr als verdoppelt. Die Zahl der Anträge wollte Atradius jedoch nicht nennen.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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