Allianz zielt auf Schwellenländer

Industrieversicherungstochter strebt deutliches Umsatzplus an // Kundenfordern großes Netz

Herbert Fromme , München

Die Allianz will den Umsatz mit Industriekunden in Schwellenländern in kurzer Zeit mehr als verdreifachen. „Wir wollen die Prämieneinnahmen aus diesen Ländern in drei bis fünf Jahren von 600 Mio. Euro auf rund 2 Mrd. Euro steigern“, sagte Axel Theis, Vorstandschef der Konzerngesellschaft Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS), der FTD. Insgesamt erzielte AGCS im vergangenen Jahr 4,9 Mrd. Euro Prämie, davon 1,1 Mrd. Euro in Deutschland.

Die Ankündigung ist eine Kampfansage an die Rivalen, vor allen den US-Versicherer AIG, der 2008 mit Staatshilfe gerettet worden war. AIG ist mit der Tochter Chartis globaler Marktführer in der Industrieversicherung. Theis muss auch anderen Wettbewerbern Geschäft oder zumindest Wachstum nehmen, um die ehrgeizigen Ziele zu erfüllen. Dazu gehören die Zurich Insurance Group und der deutsche Rivale Talanx, der mit HDI-Gerling Industrie gerade in Indien und Vietnam aktiv geworden ist und seine internationale Präsenz ausbauen will. In Lateinamerika setzt sich AGCS außerdem mit dem Marktführer Mapfre auseinander, der in Spanien beheimatet ist.

Die Allianz-Tochter wird zum globalen Wachstum getrieben. Das Unternehmen muss die Präsenz ausbauen, wenn es den gestiegenen Ansprüchen international agierender Industrie- und Handelskonzerne gerecht werden will. Diese möchten Versicherungsschutz aus einer Hand kaufen, bestehen aber immer öfter auf Niederlassungen oder Töchtern vor Ort, etwa in Brasilien. Nur so sind sie sicher, dass alle örtlichen Vorschriften erfüllt und sie dort betreut werden.

Theis glaubt fest daran, dass künftiges Wachstum in der Industrieversicherung vor allem aus Lateinamerika, Osteuropa und Russland sowie Afrika und Asien kommen wird. „Wir haben gerade ein neues Büro in Moskau mit 35 Mitarbeitern eröffnet, in Brasilien haben wir eine Zulassung als lokaler Rückversicherer beantragt, und unsere Tochter in Südafrika bauen wir deutlich aus“, sagte Theis. In Brasilien werde AGCS seine Zentrale für ganz Lateinamerika einrichten.

„In Asien sind wir unterrepräsentiert“, sagte er weiter. Durch internationale Programme für große Konzerne – auch aus Europa und den USA – will er das ändern. Dazu kommt der Fokus auf bestimmte Versicherungssparten wie die Managerhaftung. „In Afrika wachsen wir mit den großen ausländischen Investitionen in Infrastrukturprojekte.“

Der Globalisierungstrend, der AGCS zum Ausbau des Netzes zwingt, führt in der Industrie zu frischer Nachfrage. Dort sorgen die vielfältigen internationalen Abhängigkeiten von Zulieferern für Absicherungsbedarf – das haben zuletzt Flut und Tsunami in Japan und die Überflutung in Thailand gezeigt. „Bei unseren Schäden aus Japan und Thailand von insgesamt 250 Mio. Euro stammten mehr als 30 Prozent aus Betriebsunterbrechungen“, sagte Theis. Davon entfalle „ein signifikanter Anteil“ auf indirekte Betriebsunterbrechungen – in Deutschland oder England steht die Produktion still, weil ein Zulieferer in Asien ausfällt. „Es gab Autohersteller, die bestimmte Farbtöne kaum noch liefern konnten, weil ein japanischer Pigmenthersteller schließen musste.“

Über die indirekte Betriebsunterbrechung gibt es Streit zwischen den Versicherern und manchen Kunden, die der Assekuranz übermäßigen Informationshunger über Zulieferbeziehungen vorwerfen. Theis weist das zurück. „Wir müssen die Risiken in den globalen Lieferketten genau kennen, um Versicherungsschutz anbieten zu können“, sagte er. „Viele Unternehmen haben diese Informationen sowieso schon zusammengestellt, um in Krisenfällen schnell reagieren zu können.“ Und wer die Daten nicht aufbereitet habe, müsse das rasch tun.

Sorgen macht dem Manager der Trend in manchen Firmen, den Versicherungseinkauf durch Spezialisten vom Finanzressort in den allgemeinen Einkauf zu verlagern. Dann werde oft in Budgets gedacht: „Die Versicherung darf nur so und so viel kosten.“ Bei der Industrieversicherung gehe es aber nicht um Einsparungen von fünf oder zehn Prozent, sondern um die Bilanz: „Ein Konzern, der ein Risiko nicht versichert, muss dafür selbst eine Rückstellung bilden.“

AGCS ist seit der Gründung in der jetzigen Form 2006 stark gewachsen, von damals 2,8 Mrd. Euro Prämie auf 4,9 Mrd. Euro im Jahr 2011, von 1660 Mitarbeitern auf 3200. Im vergangenen Jahr lieferte die Gesellschaft ein operatives Ergebnis von 549 Mio. Euro ab. Ein großer Teil des Umsatzzuwachses stammt aus der Übernahme von Segmenten anderer Allianz-Töchter in vielen Ländern. „Wir sind immer noch mit der Integration der mehr als 200 Systeme befasst, die wir übernommen haben“, sagte Theis. „Das führt gelegentlich zu Problemen in den Abläufen.“

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

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