Mehr Distanz, bitte

Kolumne

Herbert Fromme

Im September starb Peter Ingenlath, Vorstandsmitglied des Kreditversicherers Atradius, überraschend mit 53. Das Entsetzen über den Tod des beliebten Managers war groß. Ingenlath hatte die Kreditversicherung entscheidend geprägt. Er war lange Jahre Vorsitzender des Fachausschusses Kreditversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft – und damit das Gesicht der Branche, wenn es um die Pleiten von Baukonzernen oder anderen Unternehmen ging.

Nicht nur seine Kollegen bei Atradius und bei den anderen Kreditversicherern trauerten – Ingenlath war auch für Versicherungschefs großer Konzerne ein gerngesehener Gesprächspartner und manchmal sogar Vertrauter. Das charakterisiert die Industrieversicherung, zu der die Kreditversicherer gehören: Ob Kunden, Makler, Versicherer oder Rückversicherer – sie alle verstehen sich als Teil „ihrer“ kleinen Branche.

Das hängt auch damit zusammen, dass viele von ihnen in der Karriere mehrfach die Seiten wechselten. Fast alle Versicherungschefs deutscher Großkonzerne waren früher bei Versicherern oder Maklern beschäftigt und lernten dort ihr Handwerk. Umgekehrt wird mancher Versicherungschef aus der Industrie gern von der Assekuranz genommen. Prominentes Beispiel ist Stefan Sigulla, der 2010 von Siemens in den Vorstand der HDI-Gerling Industrie wechselte.

Die enge Vertrautheit hat eine Menge guter Seiten. Absprachen werden eingehalten, viele kleine Probleme mit einem einzigen Telefongespräch aus der Welt geschafft. Aber sie birgt zunehmend Gefahren. Denn in den Konzernen herrscht ein neuer Geist der rigiden Einhaltung von Unternehmensgrundsätzen, der berühmten Compliance. Wenn eine Unternehmensführung aber das Gefühl hat, dass ihre Versicherungsexperten sich als Mitglieder der Versicherungswirtschaft sehen, führt das zu Misstrauen, ob man denn als Kunde wirklich den besten Deal bekommt.

Gerade bei der neuen Generation von Vorstandsvorsitzenden und Finanzchefs kommt es nicht gut an, wenn ein Risk Manager mit „wir“ eher sich und seine Freunde aus der Assekuranz meint als den eigenen Konzern. In einzelnen Unternehmen hat das bereits Konsequenzen gehabt. Die Ressorts der Risikomanager waren plötzlich nicht direkt beim Finanzchef angesiedelt, sondern bei allgemeinen Einkaufsabteilungen, wo sie wirklich nicht hingehören.

Eine einfache Lösung gibt es nicht. Klar ist: mehr Distanz in der Öffentlichkeit zwischen den Marktseiten ist nötig. Dass man sich privat gut versteht und um seine Freunde trauert, bleibt davon unberührt.

Herbert Fromme ist Versicherungskorrespondent der FTD.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv 2006-2012

Diskutieren Sie mit