Die Suche nach dem Rheingold

Für Allianz-Chef Michael Diekmann steht bei der Übernahme des Rivalen Provinzial Nordwest viel auf dem Spiel. Das bezeugt schon der konzerninterne Geheimcode für den Deal: Er lautet „Rheingold“, frei nach der Wagner-Oper aus dem Nibelungen-Zyklus des Jahrhundertkomponisten – drunter machen es die Münchner nicht.
Und, viel wichtiger noch: Diekmann höchstpersönlich führt die Verhandlungen mit den Eigentümern des Regionalversicherers. Sein Konzern schwächelt beim Marktanteil in Kernsparten, in der Autoversicherung hat er sogar die Führerschaft verloren. Mancher im Konzern macht dafür die brachiale Reform mitverantwortlich, die Diekmann der Allianz in Deutschland 2006 verordnete.
In solchen Situationen sucht die Allianz traditionell Wachstum durch Übernahmen. Für Diekmann, der in einigen Jahren abtritt, wäre die Übernahme eines Versicherers aus dem Sparkassenlager ein Coup von großer Reichweite. Woran seine Vorgänger gescheitert sind, könnte ihm gelingen: eine Bresche zu schlagen in die Finanzgruppe der Sparkassen.
Vor knapp drei Wochen, am 13. November, reiste Diekmann nach Münster, um den wichtigsten Eignern der Provinzial sein Angebot zu überreichen: Rolf Gerlach, Präsident des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe, Reinhard Boll, der dem Sparkassen- und Giroverband Schleswig-Holstein vorsteht, und Wolfgang Kirsch, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Weitere Treffen fanden in München statt. Deutschland-Chef Markus Rieß war ebenfalls bereits mehrfach in Münster.
Anfangs soll Diekmann noch 2,25 Mrd. Euro geboten haben, was genau dem Buchwert der Provinzial Nordwest entspricht, den LWL aber enttäuschte. Inzwischen steht ein höheres Angebot im Raum, heißt es.
Die treibende Kraft aufseiten der Eigner ist Gerlach. Der ebenso mächtige wie trickreiche Westfale fürchtet, dass die Probleme der Lebensversicherer die Sparkassen in einen ähnlichen Verluststrudel ziehen könnten wie die Krise der Landesbanken. Seine Sparkassen und der LWL halten je 40 Prozent an der Provinzial Nordwest, die Sparkassen in Schleswig-Holstein 18 Prozent, die ostdeutschen zwei Prozent. Von den elf Sparkassen im Norden müssen drei von den übrigen Kassen über den zentralen Stützungsfonds durchgefüttert werden. Hier dürfte das Angebot der Allianz durchaus auf Gegenliebe stoßen.
Der LWL dagegen ziert sich. Direktor Kirsch, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen DZ-Bank-Chef, ist Gerlach in herzlicher Feindschaft verbunden. Er dementiert die Gespräche mit der Allianz zwar nicht, sagt aber: „Wir planen derzeit nicht, unsere Anteile an der Provinzial Nordwest zu verkaufen.“ Wie lange das „derzeit“ gilt, sei eine Frage des Preises, heißt es in der Versicherungsszene.
Eigentlich können die Eigner wegen ihres Konsortialvertrags nur gemeinsam verkaufen. Doch hat Gerlach vor Sparkassengranden erklärt, notfalls im Alleingang zu verkaufen und einen Rechtsstreit auszusitzen.
Damit setzt er die gesamte Sparkassen-Finanzgruppe unter Druck, vor allem aber Georg Fahrenschon. Bayerns Ex-Finanzminister ist erst seit Mai Präsident des Dachverbandes DSGV und steht nun vor einer ernsten Bewährungsprobe. Sogar mit Kanzlerin Angela Merkel spreche er über die Frage, heißt es. In NRW wiederum haben verängstigte Regionalpolitiker die rot-grüne Landesregierung auf den Plan gerufen – „Rheingold“ ist sozusagen ein heißes Eisen.
Dabei kennen sich die Sparkassen damit aus, wie es ist, Eindringlinge aus dem privaten Sektor abzuwehren. Als 2007 das Land Berlin seine Bankgesellschaft mitsamt Sparkasse auf Druck der EU-Kommission verkaufen und auch privaten Bietern anbieten musste, schlossen sich die Sparkassen zusammen und zahlten Milliarden.
Optimisten im Sparkassenlager glauben sogar, dass der Allianz-Angriff zum Schulterschluss führen könnte. „Am Ende könnte neben der genossenschaftlichen R+V ein weiterer starker deutscher Versicherer entstehen“, sagt ein Insider.
Oder aber die Allianz schwächt das Sparkassenlager durch weitere Übernahmeangebote zusätzlich. Schließlich geht es in „Rheingold“ um drei Töchter, die das Gold bewachen. Für die Allianz wäre es sinnlos, die Provinzial Nordwest zu kaufen und nicht auch den Eignern der Provinzial Rheinland in Düsseldorf ein Angebot zu unterbreiten. Die dritte Rhein-Tochter sitzt in Stuttgart. Der Chef der dortigen SV Sparkassenversicherung, Ulrich-Bernd Wolff von der Sahl, soll auf Geheiß seiner Anteilseigner vor wenigen Monaten in der Münchner Königinstraße vorstellig geworden sein – bei Munich Re und Allianz.

Quelle: Financial Times Deutschland


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