Von Preußens Feuerkasse zum attraktiven Übernahmeziel

Aus gleich zwei Gründen ist die Provinzial Nordwest interessant für den Allianz-Konzern: Sie ist in der lukrativen Schaden- und Unfallversicherung Marktführer in weiten Teilen ihres Geschäftsgebiets, gerade auf dem Land. Hier versichert sie Gebäude, Hausrat, Autos, Haftpflicht- und Unfallrisiken. Und das Unternehmen verkauft seine Policen über Sparkassen – Bankschalter sind für alle Versicherer ein wichtiger Vertriebsweg.
Die Provinzial geht auf die von den Preußenkönigen vor fast 300 Jahren gegründeten Feuerkassen zurück. Lange Zeit war sie eine Abteilung des Provinzialverbandes, der Vorläufer des heutigen Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, der noch immer 40 Prozent hält. Den Rest besitzen die Sparkassen. Mit 3,04 Mrd. Euro Prämie ist die Provinzial im Marktvergleich mittelgroß. Da sie aber nur in bestimmten Regionen tätig ist, ist sie dort ein Riese unter den Anbietern.
Der Versicherer ist das Ergebnis der 2005 vollzogenen Fusion von Westfälischer Provinzial in Münster und Provinzial Nord in Kiel. Damit hatten die Sparkassen auf die Schieflage des Lebensversicherers in Kiel reagiert, der in der Aktienkrise 2002 satte 517 Mio. Euro wegen riskanter Spekulationen verloren hatte. Einen ähnlich hohen Verlust fuhr die inzwischen fusionierte Gruppe im Krisenjahr 2008 mit ihrer Lebensversicherung ein, inzwischen aber hat sie sich von beiden Rückschlägen erholt.
Präsent ist das Unternehmen in Westfalen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg über seine Tochter, die Feuerkasse. Zahlreiche Fusionsbemühungen mit der Provinzial Rheinland in Düsseldorf sind indes bislang gescheitert.
Der Vorstoß der Allianz belebt die Diskussion im Sparkassenlager über die Zukunft der öffentlichen Versicherer. Die nur regional arbeitenden Gruppen, deren Strukturen sich vielfach an den Ländergrenzen von vor 1945 orientieren, sehen sich mit 18 Mrd. Euro an Prämieneinnahmen auf Platz zwei in der deutschen Assekuranz, einzig die Allianz ist mit 28 Mrd. Euro Umsatz größer.
In den vergangenen 20 Jahren gab es allerhand Fusionen öffentlicher Versicherer. So übernahm der mit 6,6 Mrd. Euro Prämie größte Anbieter, die Versicherungskammer Bayern, Rivalen im Saarland und in Berlin. Die Versicherer in Hessen und Baden-Württemberg fusionierten zur SV Sparkassenversicherung in Stuttgart. Doch der von Westfalens Sparkassenpräsident Rolf Gerlach betriebene Zusammenschluss von Münster und Stuttgart scheiterte – ebenso wie der Versuch der Versicherungskammer Bayern und des SV Stuttgart, eine „Südschiene“ zu bilden.

Quelle: Financial Times Deutschland


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