Versicherer und Hersteller streiten um Autodaten

Das künftige Ecall-System kann Daten über das Fahrzeug an Notrufstellen senden – aber auch an Autohersteller oder Versicherer. Die HUK-Coburg führt jetzt eine Kampagne gegen eine befürchtete Monopolstellung der Hersteller.

Versicherer und Autohersteller streiten sich um den Ecall. Die Assekuranz will verhindern, dass die Hersteller allein Zugang zu den Daten haben. HUK-Coburg-Autovorstand Klaus-Jürgen Heitmann fordert „einen freien und fairen Wettbewerb“. Die Hersteller sollten offene Schnittstellen einbauen, verlangte er bei einer Veranstaltung des Goslar-Instituts, das von der HUK-Coburg gegründet wurde.

Ab 2015 muss in allen in der EU zugelassenen Neuwagen ein Ecall-System eingebaut sein. Nach einem Unfall oder einer Panne alarmiert das System entweder automatisch oder vom Fahrer ausgelöst eine Notrufzentrale. Daten über Standort und Fahrzeugzustand übermittelt das System automatisch, außerdem stellt es bei Unfällen automatisch eine Sprachverbindung zwischen PKW-Innenraum und Rettungskräften her.

Die EU-Kommission hat den Autoherstellern den erzwungenen Einbau des Ecalls versüßt. Ganz offen hieß es in Brüssel, mit dem System könnten die Hersteller doch auch andere Daten erfassen – und für ihre Zwecke nutzen. Dazu gehören laufende Motordiagnosen, Staumeldungen, Umleitungsempfehlungen und die Überwachung der Einhaltung von Geschwindigkeitsbegrenzungen.

In Brüssel wettern die Lobbyisten der Versicherungsbranche seit Jahren gegen die jetzige Form des Ecall. Sie haben kein Problem mit der Notruffunktion, wohl aber mit den Zusatzdiensten – wenn sie allein von den Autoherstellern genutzt werden können, weil sie eine nur den jeweiligen Herstellern zugängliche Datenübertragung nutzen.

Damit werde der „Aftersales-Markt“ neu geordnet, heißt es bei der HUK-Coburg. Das heißt, die Autohersteller haben lange Jahre Zugriff auf den PKW und seinen Halter sowie möglicherweise auf die Versicherung. Denn wer wie die Hersteller künftig genau weiß, wieviele Kilometer ein PKW wirklich gefahren ist, wer von Motor- und Fahrzeugzustand laufend Rückschlüsse auf das generelle Fahrverhalten ziehen kann, der kann auch deutlich gezielter Versicherungen anbieten.

Auch ein von der Assekuranz weitgehend erfolglos getestetes Verfahren wird dann plötzlich attraktiv, je nach Kilometer die Versicherung zu berechnen und damit das Fahrverhalten zu beeinflussen. Britische Versicherer haben bei jungen Leuten bei Fahrten nach 22 Uhr den Preis für die Versicherung plötzlich auf 6 Pfund pro Kilometer drastisch erhöht.

Gescheitert ist „Pay as you drive“ bislang an den Kosten für die Technik. Die hat aber ab 2015 jeder Neuwagen ohnehin an Bord.

Die HUK-Coburg, inzwischen nach Stückzahl größter deutscher Autohersteller, ist besonders beunruhigt. Denn während der Marktzweite Allianz eng mit dem größten europäischen Autohersteller VW zusammenarbeitet und sogar einen gemeinsamen Versicherer mit ihm gegründet hat, stehen die Coburger schon wegen ihres Werkstattnetzes in direkter Konfrontation mit den Herstellern.

In ihrer Kampagne geht es HUK-Coburg und anderen Versicherern genau wie den Autoherstellern um Geschäftsinteressen. „Pay as you drive“ könnte auch für die Assekuranz ein interessantes Modell werden, wenn die Technik ohnehin vorhanden ist.

Die HUK-Coburg versucht jetzt, eine öffentliche Debatte über den Datenschutz und Ecall zu beginnen. Sie hat den Köner Professor Horst Müller-Peters beauftragt, eine repräsentative Studie über die Akzeptanz des Systems zu erstellen. Müller-Peters befragte mehr als 1000 PKW-Halter. Das Ergebnis: Die meisten Autofahrer wissen bislang nicht, worum es geht. Wenn sie es wissen, ist Ecall als Notrufsystem hoch akzeptiert.

Deutlich skeptischer sehen Fahrer die Einsatzzwecke jenseits von Unfällen. „Die automatische Übermittlung von Informationen erreicht hier durchgehend geringe Akzeptanzwerte“, hieß es. Nicht gefallen kann der HUK-Coburg die weitere Reaktion der Fahrer: „Die Option, die Datenübermittlung selbst zu beeinflussen, sei es durch Voreinstellung oder fallweise Aktivierung, erhöht die Akzeptanz deutlich“, schreibt Müller-Peters. „Dennoch fanden sich außerhalb des Unfallszenarios keine Fälle, in denen die Mehrheit eine Datenweitergabe befürwortete.“

Quelle: Capital.de


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