Das Schiff schwankt, wird aber nicht untergehen

Die Rückversicherungsbranche ist in den letzten Jahren trotz aller Widrigkeiten erfolgreich durch das schwierige Marktumfeld gesegelt. Die See wird jedoch stürmischer. Um sicher auf Kurs zu bleiben, werden die Rückversicherer ihr Geschäftsmodell weiter anpassen müssen.

Karin Clemens_StandardandPoors

Karin Clemens ist Managing Director and Lead Analytical Manager Insurance Western Europe bei der Ratingagentur Standard & Poor’s

© Martin Joppen

Die Rückversicherer zeigen sich derzeit in ausgezeichneter Verfassung. 2012 punktete die Branche nicht nur mit einer exzellenten Schaden- und Kostenquote von rund 88 Prozent, sondern auch mit einer beachtlichen Kapitalrendite von 14 Prozent. Dabei war 2012 für den Markt ein eher teures Jahr mit versicherten Schäden von rund 77 Mrd. Dollar. Auch Kapital ist mit weltweit 388 Mrd. Dollar in der Branche reichlich vorhanden. Dennoch wird das Fahrwasser unruhiger. Niedrige Zinsen, zusätzliche Kapazität in Form von Verbriefungen von Versicherungsrisiken und der zunehmende Einfluss der Makler auf das Marktgeschehen lassen die Wellen höher schlagen.

Bisher haben die Rückversicherer trotz der seit Jahren bestehenden Überkapazitäten erfolgreich der Versuchung widerstanden, die Preise zu stark zu senken. Ein gutes Risikomanagement hilft den Konzernen dabei, den Kurs zu halten und beim Einsatz ihres Kapitals auf die Renditeziele zu achten.

Jetzt aber machen die anhaltend niedrigen Zinsen der Branche das Leben in zweierlei Hinsicht schwer. Zum einen belasten sie die Gewinne der Unternehmen mittlerweile spürbar. So schätzen wir, dass ein Rückgang der Kapitalanlagerendite um einen Prozentpunkt im Schnitt eine Verbesserung der Schaden- und Kostenquote von ungefähr drei Prozentpunkten erfordert. Die dafür notwendigen Prämiensteigerungen sind im derzeitigen Marktumfeld aber nicht zu erzielen. Daher rechnen wir damit, dass die Schaden- und Kostenquote bis 2014 auf rund 95 Prozent steigen könnte, während die Eigenkapitalrendite im selben Zeitraum unter 10 Prozent sinken könnte.

Zum anderen strömt neues Kapital in den Markt. Mangels attraktiver Alternativen erfreuen sich insbesondere Katastrophenanleihen bei Großinvestoren derzeit wieder großer Beliebtheit. Zu den Interessenten gehören auch zunehmend Pensionsfonds. Im Rekordjahr 2007 investierten Großanleger rund sieben Mrd. Dollar in diese Anlageform. Bis zum Jahresende wird voraussichtlich ein vergleichbarer Wert erreicht werden.

Aber auch die Rückversicherungsmakler gewinnen an Marktmacht. Im März dieses Jahres vereinbarte Aon mit der US-amerikanischen Versicherungsgruppe Berkshire Hathaway eine blinde Folgequote von 7,5 Prozent für das von Aon plazierte Geschäft von Lloyd‘s of London. Vergleichbare Vereinbarungen werden zunehmen.

Dennoch wird keine dieser Entwicklungen den Rückversicherern gänzlich den Wind aus den Segeln nehmen. Um auf Kurs zu bleiben, werden sie ihr Geschäftsmodell jedoch weiter anpassen müssen, denn der zu verteilende Kuchen wird kleiner. Gleichzeitig wächst jedoch auch der Bedarf an Deckungen für zunehmend komplexe oder neuartige Risiken. Im Wettbewerb werden daher Know-how und Innovationsfähigkeit immer entscheidender. Ein Trend, der insbesondere den großen und global diversifizierten Rückversicherern zugutekommen sollte. Sie können durch ihre Expertise im Bereich der Risikomodellierung und der Produktentwicklung punkten und sich dadurch Wachstumschancen sichern. Gleiches gilt für einige hochspezialisierte Anbieter. Rückversicherer, die im Wesentlichen als reine Kapazitätsgeber und Follower am Markt fungieren, riskieren dagegen von Bord gespült zu werden.

Karin Clemens ist Managing Director and Lead Analytical Manager Insurance Western Europe bei der Ratingagentur Standard & Poor’s

 


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