PRA: Versicherer müssen an Kultur arbeiten

Berichte über Belästigungen am Arbeitsplatz und wenig frauenfreundliches Klima bei Versicherern in Großbritannien haben die britische Aufsicht Prudential Regulation Authority (PRA) auf den Plan gerufen. In einem ungewöhnlich scharfen Brief an die Vorstandsvorsitzenden warnt sie die Versicherer, ihre Unternehmenskultur in den Griff zu bekommen. Vor allem beunruhigt sie, dass Beschwerden über sexuelle Belästigungen vielerorts von Vorgesetzten ignoriert werden. Das könnte auf tiefgreifende Probleme der Unternehmen im Umgang mit Missständen hindeuten – auch finanzieller Art.

Die britische Aufsicht PRA richtet sich mit einem scharfen Brief an die Vorstandschefs aller Versicherer im Land

© CC0 Public Domain

Die britische Versicherungsaufsicht hat die Unternehmen im Land mit ungewöhnlich scharfen Worten gewarnt, ihre Unternehmenskultur in den Griff zu bekommen. In den vergangenen Monaten hatten sich Berichte über sexuelle Belästigung und Mobbing am Arbeitsplatz in der Branche gehäuft.

„Große Besorgnis“ hätten diese Hinweise ausgelöst, schrieb Gareth Truran, Direktor der Versicherungsaufsicht der Prudential Regulation Authority (PRA), in einem Brief, der am Dienstag an die Vorstandsvorsitzenden aller Versicherungsunternehmen ging, die unter die Aufsicht der Behörde fallen. Unter der Anrede „Dear CEO“ warnte er, dass Manager letztlich ihre Position in Gefahr bringen könnten, wenn sie derartige Vorfälle ungeahndet ließen. Auch Fehlverhalten außerhalb der klassischen Zuständigkeit der Aufsicht könnte die persönliche Integrität eines Managers in Frage stellen und „Auswirkungen haben auf unsere Ansicht zu Eignung und Anstand von Individuen“. Geldstrafen, im schlimmsten Fall gar ein zeitweiliges Berufsverbot, könnten dann die Folge sein.

Im März hatte ein Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg für Aufsehen gesorgt, der sexuelle Belästigung und Schikane beim Londoner Versicherungsmarktplatz Lloyd’s beschrieb. Die Journalisten zeichneten das Bild eines wenig frauenfreundlichen Arbeitsplatzes, sie zitierten 18 Managerinnen, die für Lloyd’s-Unternehmen tätig waren und eine Kultur „nahezu ständiger Belästigung“ beschrieben. Die Versicherungsbranche gilt in der Londoner City bis heute als die traditionellste. Modernisierung hält hier nur langsam Einzug, alte Gepflogenheiten wie Mittagessen mit reichlich alkoholischen Getränken sind trotz offizieller Verbote nur schwer auszumerzen.

Mehr Mut, Missstände anzusprechen

Eine von Lloyd’s selbst initiierte Umfrage kam dann im September zu dem Ergebnis, dass an dem Marktplatz fast 500 von insgesamt 6.000 Befragten im vorangegangenen Jahr Zeuge von sexueller Belästigung geworden waren. Mehr als jeder Fünfte berichtete, dass Vorgesetzte unangemessenes Verhalten wissentlich ignorieren würden. Über die Hälfte derer, die eine Beschwerde wegen solcher Vorkommnisse eingereicht hatten, fühlten sich nicht ernst genommen.

Die PRA befürchtet, dass letzteres auf grundlegende Probleme in der Unternehmenskultur von Versicherern hindeuten könnte. Künftig wolle die Aufsicht sicherstellen, dass Versicherer eine „Kultur entwickeln und pflegen, in der Angestellte sich in der Lage fühlen, sich auszusprechen und Sorgen vorzubringen“.

Dabei gehe es um Probleme weit über das Arbeitsklima hinaus. „Diese Themen werfen weitere Fragen auf, ob Unternehmen eine Kultur fördern, in der Angestellte sich in der Lage fühlen, Missstände und nicht erkannte Risiken in der Organisation anzusprechen, einschließlich Themen, die die finanzielle Gesundheit der Firma betreffen“, schrieb Truran. Anders gesagt: Wer schlechte Erfahrungen gemacht hat und sich nicht ernst genommen fühlte, als er Belästigung angeprangert hat, könnte sich auch nicht trauen, Probleme im Risikomanagement oder bei der Kapitalausstattung anzusprechen.

Bei der Financial Conduct Authority, die ebenfalls Aufsichtsaufgaben für die Assekuranz innehat, laufen bereits einige Untersuchungen wegen Vorwürfen sexueller Belästigung bei Unternehmen in der City. Lloyd’s hat unterdessen ein groß angelegtes Programm gestartet, die Unternehmenskultur bei den Syndikaten am Markt zu verbessern.

Auch Rückstellungen sollen geprüft werden

In dem Brief bereitet Truran die Manager der Assekuranz darauf vor, dass die Unternehmenskultur nur einer von mehreren Bereichen ist, die sich die Aufsicht in den kommenden Monaten genauer vornehmen werde. Hinzu kommen die Vorbereitung auf eine Zunahme von Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels, wie Flächenbrände, Überflutungen und verheerende Stürme. Einige Versicherer hatten wegen solcher Katastrophen erhebliche Schadensfälle zu begleichen. Truran warnte „zu prüfen, ob historische Informationen und Modelle den gegenwärtigen Risiken und Gefährdungstrends noch entsprechen“.

Auch die Qualität des Underwritings und der Entscheidungen zu Rückstellungen werde der Regulierer genauer prüfen. Das gelte beispielsweise für Reaktionen der Unternehmen auf steigende Schadensfälle bei Spezialversicherungen. Als Beispiel verwies er auf Unfall- und Haftpflichtversicherungen für bestimmte Berufsgruppen, die britische Versicherer in den Vereinigten Staaten gezeichnet haben. Genauere Einsichten dazu hat die Aufsicht auch in einem aktuellen Rundschreiben an leitende Aktuare – der sogenannte „Dear Chief Actuary Letter“ – verschickt.

Es sei an den Unternehmen, sich die angesprochenen Themen vorzunehmen und zunächst intern die Relevanz für das eigene Unternehmen zu diskutieren, ermunterte Truran die Branche. Die Aufsicht werde im Jahresverlauf das Gespräch mit ihnen suchen.

Claudia Wanner berichtet für den Versicherungsmonitor aus London.

Dieser Text ist nur für Premium-Abonnenten von Herbert Frommes Versicherungsmonitor persönlich bestimmt. Das Weiterleiten der Inhalte – auch an Kollegen – ist nicht gestattet. Bitte bedenken Sie: Mit einer von uns nicht autorisierten Weitergabe brechen Sie nicht nur das Gesetz, sondern sehr wahrscheinlich auch Compliance-Vorschriften Ihres Unternehmens.

Kategorien: Allgemein

Diskutieren Sie mit