Digitaler Vorreiter

 Themenschwerpunkt Kreditversicherung  Die Kreditversicherung steckt mitten im digitalen Wandel. Viele Prozesse laufen bereits vollelektronisch – von der Deckungs-Anfrage bis zur Schadenmeldung. Die Kunden sind hingegen oft weniger weit. Einige greifen weiterhin zu Papier und Fax. Makler und Versicherer müssen Überzeugungsarbeit leisten

Bis ins 18. Jahrhundert war die Republik Venedig eine wichtige Handelsmacht. Mit Salz und Sklavenhandel baute sie ihre Position aus. Hier zu sehen: der Dogenpalast in Venedig, gemalt um 1740 vom Künstler Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto

© picture alliance / akg-images

Die Kreditversicherung ist in Sachen Digitalisierung etwas Besonders in der Versicherungswirtschaft. Während in Sparten wie der Lebensversicherung der digitale Umbau noch lange nicht vollendet ist, läuft in der Absicherung von Firmen gegen Zahlungsausfälle bereits vieles vollelektronisch. „Die Digitalisierung ist bei den Kreditversicherern sehr weit fortgeschritten“, sagt Frank Otto, Geschäftsführer des auf Kreditversicherungen spezialisierten Maklers Via Delcredere und Vorstand des internationalen Verbands der Kreditversicherungsmakler Bardo. Die Gesellschaften haben Onlineportale, in denen sich Kunden anmelden und ihre Deckungen verwalten können. „Papier wird fast gar nicht mehr bewegt“, sagt Otto.

Kunden beantragen online Limite

Von schlanken, digitalen Prozessen träumt die Versicherungsbranche. In anderen Sparten ächzen die Gesellschaften unter den Herausforderungen der Digitalisierung. Mit großem Aufwand ersetzen sie Altsysteme, überarbeiten Prozesse und migrieren riesige Datenbestände. Oft sind die über Jahre gewachsenen IT-Strukturen in den Häusern miteinander nicht vereinbar, mehrere Altsysteme laufen parallel. Die Kreditversicherer haben es da leichter, sagt Makler Otto. „Die meisten Anbieter sind Monoliner, sie betreiben nur diese Sparte.“ Für sie sei die Digitalisierung weniger komplex.

80 Prozent

der Kreditversicherungslimite werden bei der R+V bereits online beantragt, davon werden 70 Prozent vollautomatisch zugesagt. Bei den übrigen 10 Prozent schaut ein Experte auf das Risiko

Ohne digitale Prozesse geht es heute im Geschäft nicht mehr. „Wir sind auf digitale Zugangswege angewiesen“, sagt Alexander Niemeyer, Bereichsleiter Banken und Kredit bei der R+V. „Jeder Kreditversicherer verfügt über ein eigenes Portal.“ Dort loggen sich Kunden ein, sie beantragen Deckungszusagen und melden Schäden. „Rund 80 Prozent der Kreditlimite werden von unseren Kunden online beantragt“, sagt Niemeyer. Das seien bei der R+V mehrere hunderttausend pro Jahr. „Etwa 70 Prozent davon werden vollautomatisch zugesagt.“ Die R+V ist seit 1998 in der  Kreditversicherung aktiv und hat rund 90 Mio. Euro an Beitragseinnahmen. send pro Jahr. „Etwa 70 Prozent davon werden vollautomatisch zugesagt.“ Die R+V ist seit 1998 in der Kreditversicherung aktiv und hat rund 90 Mio. Euro an Beitragseinnahmen.

Transparenz wie bei Amazon

Weiterentwickeln muss sich die Sparte dennoch. „Wir arbeiten permanent an neuen Funktionalitäten“, berichtet Niemeyer. „Die Online-Schadenmeldung haben wir bereits, jetzt erproben wir das Online-Schadentracking.“ Die Kunden sollen ähnlich wie bei Amazon-Lieferungen sehen können, wie der Stand ist und was als nächstes passiert. Von digitalen Höhenflügen rät Niemeyer allerdings ab. „Wir konzentrieren uns auf das, was der Kunde wirklich braucht“, sagt er. „Ihm geht es in erster Linie darum, bei uns die benötigten Limite zu bekommen, diese zu verwalten und somit eine Bonitätseinschätzung über seine Kunden zu erhalten.“

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Keine Chance für Insurtechs?

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Nicht alles, was technisch heute schon möglich ist, dürfen die Versicherer und Makler auch im Tagesgeschäft nutzen. „Deutschland ist ein bürokratisches Land“, weiß Makler Otto. So müssten Vertragsdokumente weiterhin per Post verschickt werden. Oft lasse die Rechtsprechung neue digitale Angebote nicht zu. Die Unterschrift auf Papier ist seiner Meinung nach nicht mehr nötig. „Man könnte das wunderbar lösen, etwa mit eindeutigen Signaturen“, sagt Otto. „Der Gesetzgeber hinkt da noch etwas hinterher.“ Insurtechs, die derzeit in vielen Bereichen die Zusammenarbeit mit Versicherern suchen, haben in der Kreditversicherung keine große Zukunft, glaubt Otto. „Das Geschäft ist derart kompliziert, dass ich dort für Fintechs keine Chancen sehe“, sagt er. „Sie bekommen als Versicherer sehr viele vertrauliche Daten, das können Sie nicht einfach outsourcen.“ Die Anbieter zögen es vor, Portale und digitale Angebote in Eigenregie aufzubauen. Lange lief in der Kreditversicherung alles auf Papier. „Bevor es die Portale gab, haben die Unternehmen die Anfragen per Fax gestellt, sie haben Formulare ausgefüllt und an uns geschickt“, sagt R+V-Mann Niemeyer. „Einige Unternehmen möchten Deckungszusagen weiterhin in Papierform geschickt bekommen, damit sie sicher sind, dass sie nichts übersehen“, sagt er. „Ich wünsche mir, dass auch diese Firmen bald den Weg in unser Portal finden.“

Auch Makler Otto erlebt im Tagesgeschäft, dass viele Kunden noch wenig digital unterwegs sind. „Kleine Firmen haben häufig nichts in ihre Digitalisierung investiert und sind nicht recht willens, sich darauf einzulassen“, sagt er. „Wir predigen immer und sagen: Jetzt telefonier´ doch nicht mit dem Versicherer, sondern geh mal online und schau dir selbst im Portal alles an“, erläutert der Makler. Die technologische Entwicklung wird auch die Widerspenstigen bald dazu bewegen, ihre Angelegenheiten online abzuwickeln, glaubt Otto.

Anna Gentrup

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