Allianz versucht den Befreiungsschlag

Massive Kapitalerhöhung soll Stabilität bringen “ Neuer Chef Diekmann fordert mehr Gewinne von den Konzerneinheiten

Von Herbert Fromme Mit sehr gemischten Gefühlen dürften die Chefs der größten Konkurrenten der Allianz am vergangenen Donnerstag die Nachrichten aus München vernommen haben. Schadenfreude und Sorgen über den künftigen Kurs des Marktführers kommen zusammen. Nach dem, was aus der Konzernzentrale zu hören ist, wird die Allianz künftig eine deutlich härtere Gangart im Konkurrenzkampf einschlagen.

Die Allianz musste zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg rote Zahlen melden, das Defizit betrug happige 1,2 Mrd. Euro. Verluste aus der Dresdner Bank, hoher Abschreibungsbedarf auf Aktien, Altlasten der US-Tochter Fireman’s Fund und eine schwache Vorstellung in Frankreich und anderen Märkten kamen zusammen. Höhere Gewinne aus anderen operativen Bereichen reichten nicht aus, um das auszugleichen.

Gleichzeitig gab die Allianz gewaltige Kapitalmaßnahmen bekannt. Mindestens 3,5 Mrd. Euro will sich der Konzern von den Aktionären mittels einer Kapitalerhöhung holen, weitere 1,5 Mrd. Euro von Anlegern über eine nachrangige Anleihe.

Die Kapitalerhöhung hat mehrere Besonderheiten. Erstens braucht die Allianz vom Standpunkt des Cashflows aus gesehen kein frisches Geld – sie hat genug. Auslöser für den Schritt waren hohe Abschreibungen auf die Aktienpakete, die auf den Cashflow keine Auswirkungen haben, und die daraus folgenden Befürchtungen der Allianz, die Rating-Agenturen könnten ihr die Beurteilung im Bereich „AA“ entziehen. Diese Einstufung ist für einen Versicherer noch viel wichtiger als für andere Unternehmen. Das Rating bestimmt nicht nur die Kapitalkosten, sondern auch den Kundenzuspruch.

Zweitens wird die Ausgabe von vier namhaften Banken garantiert, und bedeutende Aktionäre haben bereits ihre Unterstützung signalisiert. Beides sind wichtige Vertrauensbeweise, die Spekulationen gegen die Aktie die Basis entziehen und so dem Konzern Stabilität bringen.

Der Allianz-Führung und dem neuen Chef Michael Diekmann ist klar: Diese Chance muss der Konzern nutzen, einen zweiten, ähnlichen Vertrauensbeweis der Märkte wird es nicht geben. „Die Allianz hat einen Schuss frei gehabt, den hat sie jetzt gesetzt“, sagte ein Insider.

Die Voraussetzungen dafür hat Diekmann noch zusammen mit seinem Vorgänger Henning Schulte-Noelle geschaffen. Das gilt auch für die Dresdner Bank: Bernd Fahrholz wurde auf dem Chefsessel durch Herbert Walter, bisher Privatkundenvorstand der Deutschen Bank, ersetzt. Die Maßnahme deutet darauf hin, dass die Allianz in der Führung ihrer Banktochter nach zwei Jahren eher vorsichtigen Umbaus das große Aufräumen beginnen will, gegen das sich Fahrholz immer gewehrt hat.

„Die Allianz muss sich davon befreien, immer auf die Dresdner zu starren und sich an der Performance der Bank messen zu lassen“, so der Manager. Ohnehin sei die Bank in einigen Feldern besser als ihr Ruf, das Investmentbanking zum Beispiel sei knapp davor, wieder schwarze Zahlen zu melden. Probleme gebe es vor allem bei Firmendarlehen.

Von Diekmann erwarten viele Beobachter, dass er die bequeme Schuldzuweisung an die Dresdner Bank nicht mehr duldet. Denn der Konzern hat auch sonst zahlreiche Baustellen, auch im Versicherungsbereich. Das sind nicht nur die Töchter in den USA und Frankreich. Die deutschen Erstversicherer sind zwar profitabel, bleiben aber, so der Allianz-Kenner, weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Verglichen mit globalen Konkurrenten wie der American International Group schöpfe der deutsche Konzern seine Möglichkeiten nicht aus. „Die Allianz hat sich in den letzten Jahren auf die kleinen Turnaround-Fälle konzentriert. Auf bestimmte, kleine Töchter, die Probleme hatten, wurde kollektiv eingeprügelt, große Schwächen nicht angepackt.“

Besonders kritisch betrachtet der neue Allianz-Chef die Industrietochter Allianz Global Risks. Wenn in diesem Jahr kein Gewinn erwirtschaftet wird, stehe diese Aktivität auf dem Prüfstand, sagte er. Bei einer Analystenkonferenz am Freitag erläuterte Diekmann, dass künftig alle Geschäftseinheiten ihre Kapitalkosten verdienen müssen. Auch Versicherungstöchter würden „sehr kritisch geprüft“.

Diekmann hat gleichzeitig sehr viel Geld, um aktiv in das Marktgeschehen einzugreifen, nämlich die 5 Mrd. Euro aus der Kapitalerhöhung. Die Erhöhung der Profitabilität der Versicherungstöchter und der Ausbau des Marktanteils dürften ganz oben auf der Agenda des neuen Konzernchefs stehen. In Deutschland und in anderen europäischen Märkten wird die Konkurrenz das sehr bald spüren.

Bild(er):

Am 29. April wird Michael Diekmann Allianz-Chef Diekmann will die Allianz unabhängiger von der Börse machen. Im Jahr 2002 musste der Konzern rund 5,5 Mrd. Euro abschreiben – Rolf Braun; Andreas Varnhorn.

Quelle: Financial Times Deutschland


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