Rückversicherer unter Druck

Ihre Kunden verlangen zusätzliche Sicherheiten für den Fall finanzieller Schwächung “ Nachwehen der Gerling-Krise

Von Herbert Fromme Eigentlich könnten die Rückversicherer froh sein. Nach den katastrophalen Großschäden der letzten Jahre, darunter der Terrorüberfall auf das World Trade Center und die Jahrhundertflut, steigt der Bedarf nach Rückversicherungsschutz kräftig an, und damit auch das Preisniveau. Erstversicherer, die das eigentliche Geschäft mit den Endkunden machen, erkennen, dass sie sich für Großrisiken und Katastrophen verstärkt abdecken müssen. Die Eigenmittelknappheit bei vielen Versicherungsgesellschaften tut ihr übriges. Deutliche Preiserhöhungen und Bedingungsverbesserungen melden Münchener Rück, Swiss Re, General Cologne Re, GE Frankona, Hannover Rück, Scor und andere.

Dennoch herrscht nicht eitel Sonnenschein in der Branche. Denn die Rückversicherer leiden selbst unter der Baisse an den Weltbörsen, hohe Abschreibungen sind die Folge. Die Verbesserungen in den operativen Ergebnissen sind oft nicht hoch genug, um die Probleme aus den Kapitalanlagen auszugleichen.

Außerdem haben mehrere Rückversicherer mit Altlasten zu tun – vor allem bei US-Engagements. Marktführer Münchener Rück musste im Jahr 2002 mehrere Mrd. Euro bei der Tochter American Re nachschießen, ähnlich ging es dem französischen Rückversicherer Scor.

Die Gerling Globale Rück (GGR), die zum Gerling-Konzern gehört und die Nummer sechs auf dem Weltmarkt war, geriet über ihr gewagtes US-Engagement sogar vollständig ins Trudeln und musste im Oktober 2002 das Neugeschäft im Bereich Schaden-und Unfall-Rückversicherung einstellen. Jetzt werden die Altverträge abgewickelt, die GGR bietet ihren Kunden Abstandszahlungen aus Schadenreserven an, wenn sie auf weiteren Rückversicherungsschutz verzichten. Der Kölner Versicherungsverein DEVK, der rund 90 Prozent seines Rückversicherungsschutzes bei der GGR gekauft hatte, erhielt nach Angaben aus der Branche 240 Mio. Euro von den 400 Mio. Euro, die bei der GGR als Schadenreserven für DEVK-Risiken zurückgestellt waren. Auch mit der VHV in Hannover wurde ein so genanntes Kommutationsgeschäft geschlossen, bei ihr ist GGR-Vorstandschef Achim Kann Aufsichtsratsvorsitzender.

Der Kollaps der GGR hat bei vielen deutschen Erstversicherern zum Umdenken geführt. Sie platzieren ihre Risiken nicht mehr bei ein oder zwei Gesellschaften, sondern suchen eine möglichst breite Streuung. Die DEVK zum Beispiel hat jetzt Verträge mit 10 Rückversicherern. „Statt des Flight to Quality sehen wir einen Flight to Quantity“, beklagt ein Sprecher der General Cologne Re, die zur Gruppe des US-Investors Warren Buffet gehört. Die Kunden achteten nicht in erster Linie auf die finanzielle Qualität, sondern auf die Verteilung des Risikos.

Außerdem versuchen die Erstversicherer, ihr Ausfallrisiko bei Rückversicherern zu reduzieren. Ihre Sorge nach der Gerling-Katastrophe: Kommt es wirklich zum großen Knall, müssen die Rückversicherer wirklich mit Milliardenzahlungen einspringen, könnten einige dazu finanziell nicht in der Lage sein.

In den letzten Monaten haben Erstversicherer daher häufiger so genannte Downgrading-Klauseln von ihren Rückversicherern gefordert. Wenn sich die Beurteilung eines Rückversicherers durch die Rating-Agenturen verschlechtert, so das Kalkül der Erstversicherer, müssen die Kunden handeln können.

„Manche Kunden verlangen ein außerordentliches Kündigungsrecht ihrer Verträge für einen solchen Fall. Das ist für uns akzeptabel, erhöht aber die Sicherheit für den Kunden kaum. Die Verträge laufen ja ohnehin fast alle nur für ein Jahr“, so der Sprecher. Nicht verhandlungsbereit ist die General Cologne Re bei Forderungen nach Zugriff des Kunden auf das Anlagevermögen des Rückversicherers, wenn dessen Rating sich verschlechtert. „Das ist extrem gefährlich“, sagte er. Ein Rückversicherer müsste allen seinen Kunden die Klausel anbieten. Sollte es dann zu einer Herabstufung kommen, würde eine Spirale in Gang gesetzt – die Erstversicherer würden an das Anlagevermögen gehen, das Rating würde wieder schlechter. „Nutznießer solcher Klauseln sind vor allem die Rückversicherungsmakler“, sagte der Sprecher. Sie könnten mit solchen Klauseln auch Geschäft bei schwächeren Rückversicherern platzieren und hätten ihr Haftungsrisiko gegenüber den Kunden reduziert.

Bild(er):

Rückversicherer decken vor allem Groß-und Katastrophenschäden. Der Theaterplatz vor der Dresdner Semperoper ist am 17. August 2002 bis auf das Reiterstandbild vollständig überflutet – Zentralbild.

Quelle: Financial Times Deutschland


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