Mannheimer mobilisiert letzte Reserven

Konzern verkauft überraschend seine Kapitalanlagegesellschaft, um nach Kollaps der Lebenssparte seine Reste zu retten

Von Herbert Fromme und Anja Krüger, Köln Der Mannheimer-Konzern mobilisiert die letzten Finanzreserven, um einen totalen Zusammenbruch zu verhindern. Der Kollaps der Lebensversicherung in der Vorwoche bedroht auch den wesentlich kleineren Rest des Konzerns – etwa die Kranken-und Sachversicherung.

Lothar Stöckbauer, der nach dem Rücktritt von Hans Schreiber am 13. Juni das Management führt, hat sich daher nach Informationen der FTD in der vergangenen Woche zu einer Blitzaktion entschlossen: Er verkaufte die Mannheimer Asset Management Kapitalanlagegesellschaft (KAG). Käufer ist die ASTA Allgemeine Grundstücks-und Treuhandgesellschaft in Berlin, die dem Wiesbadener Anwalt und Investor Wolfgang Schuppli gehört. Die Mannheimer wollte nicht Stellung nehmen, Schuppli war nicht erreichbar. Schuppli hat weit verzweigte Interessen. Er kontrolliert den Rechtsschutzversicherer Deurag und ist etwa an der Dexia Hypothekenbank, der Essener Hypothekenbank und dem Haushaltswarenhersteller WMF beteiligt.

Schreiber hatte schon Anfang 2002 angekündigt, dass er die KAG abgeben wolle, diesen Plan aber Anfang 2003 fallen gelassen. Sein Nachfolger muss jetzt doch verkaufen. Die kleine Mannheimer KAG managte Ende 2002 insgesamt 13 Fonds mit einem Volumen von 1,2 Mrd. Euro. Davon entfielen aber nur 146 Mio. Euro auf Publikumsfonds. Daneben verwaltete sie 3,5 Mrd. Euro Vermögen für den eigenen Konzern, auch für die jetzt in Auflösung befindliche Mannheimer Leben.

Am Donnerstag hatte die Finanzaufsicht BaFin der Mannheimer Leben den weiteren Geschäftsbetrieb verboten. Der Konzern hatte sich an der Börse verspekuliert und hätte 370 Mio. Euro zum Überleben gebraucht. Ein Rettungsversuch des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) scheiterte – jetzt wird der Bestand auf die Auffanggesellschaft Protektor übertragen. Sie wurde von der Branche für solche Fälle 2002 ins Leben gerufen, musste bislang aber noch nie aktiv werden.

Jetzt knirscht es zwischen Assekuranz und Finanzaufsicht. Sie sind sich uneins, wie der Lebensversicherer abgewickelt werden soll. Die meisten Versicherer waren davon ausgegangen, dass die BaFin einen Sonderbeauftragten einsetzt, der an Stelle des Vorstands der Mannheimer Leben agiert und mit dem Protektor den Übergang der Verträge ausgehandelt hätte.

Das will die Behörde aber nicht. „Ein Sonderbeauftragter wird nur eingesetzt, wenn es aufsichtsrechtlich sinnvoll ist und es Aufgaben für ihn gibt“, sagte eine BaFin-Sprecherin. Das sei bei der Mannheimer Leben nicht der Fall. Dort habe der Vorstand die Übertragung der Verträge auf Protektor zugesagt. „Wir werden den Prozess natürlich begleiten und Empfehlungen geben“, sagte die Sprecherin.

Mit dem Verzicht auf einen Sonderbeauftragten hilft die BaFin dem Mannheimer-Konzern: Sollte ein Sonderbeauftragter eingesetzt werden, ist die Insolvenz der Mannheimer Leben nicht fern. Ein Lebensversicherer kann nicht selbst die Insolvenz beantragen, das kann nur die BaFin tun.

Eine Insolvenz der Lebens-Sparte würde allerdings wohl auch die Holding in den Abgrund reißen: Der Konzern hat Anteile an verbundenen Unternehmen mit 240 Mio. Euro in der Bilanz – davon 78 Mio. Euro Mannheimer Leben. Ein sofortiger Totalausfall wäre kaum zu verkraften.

Dann wären auch die anderen operativen Versicherer direkt bedroht, vor allem die Sach-und Krankenversicherung. Für beide hatte die BaFin erklärt, dass sie keine Gefahr für die beiden Unternehmen sieht. Ohne Insolvenz der Leben hat der Holding-Vorstand jetzt mehr Zeit, Käufer für diese und andere Konzernteile zu suchen.

Für GDV und Protektor heißt das: Sie müssen die Bedingungen für die Übernahme der Versicherungsverträge mit dem Konzernvorstand aushandeln – und der will in erster Linie den Gesamtkonzern retten. Das könnte den Prozess deutlich erschweren. Außerdem hatte der GDV seinen Mitgliedern bei der nicht unumstrittenen Einrichtung von Protektor zugesagt, dass die Auffanggesellschaft erst nach Ausschöpfung aller aufsichtsrechtlichen Möglichkeiten aktiv würde. Davon kann bei der Mannheimer keine Rede mehr sein. Das könnte noch zu heftigem Streit im GDV führen, heißt es in der Branche. Klaus-Wilhelm Knauth, einer der Geschäftsführer des GDV und Aufsichtsrat von Protektor, versucht, die Differenzen herunterzuspielen. Der GDV habe gegenüber der BaFin die Forderung nach einem Sonderbeauftragten nicht erhoben, sagte Knauth.

Die Übertragung des Kundenbestands der Mannheimer Leben auf Protektor werde von den Vorständen beider Gesellschaften ausgehandelt und von einem externen Dienstleister abgewickelt, sagte er. Wie die Übernahme des Bestands technisch vonstatten gehen soll, ist noch nicht geklärt. „Wir werden erst einmal eine Bestandsaufnahme machen. Wir kennen die Technik der Mannheimer nicht“, sagte Knauth.

Zitat:

„Wir werden den Prozess natürlich begleiten und Empfehlungen geben“ – BaFin-Sprecherin

Bild(er):

Kurz vor dem Absturz: Nur wenn die Insolvenz ihrer Lebens-Tochter verzögert werden kann, hat die Mannheimer Holding eine Überlebenschance – FTD-Montage; Mannheimer.

Quelle: Financial Times Deutschland


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