Analysten zwingen Konzern zum Umbau

Von Herbert Fromme, München Innerhalb eines Jahres will die Münchener Rück die Herabstufung durch die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) von „AA“ auf „A“ wettgemacht haben. Das sagte Finanzvorstand Jörg Schneider. Er verwies auf die starke operative Leistung des Unternehmens. Künftig könne die Kapitalbasis aus diesen Gewinnen nachhaltig gestärkt werden, sagte er. Auf eine Kapitalerhöhung wollte sich Schneider nicht festlegen. Allerdings ist aus dem Unternehmen zu hören, dass Schneider – wie mehrere seiner Vorstandskollegen – für einen solchen Schritt ist und sie sehr rasch umgesetzt sehen will.

Am Mittwoch Abend hatte S&P die Bewertung des Konzerns von „AA-“ auf „A+“ mit stabilem Ausblick gesenkt – eine vor wenigen Jahren noch unvorstellbare Maßnahme für den vornehmen Weltmarktführer, der nur die Bestnote „AAA“ gewohnt war.

S&P begründete die schlechtere Beurteilung der Münchener Rück mit der schwachen Kapitalausstattung nach dem Börsencrash, dem hohen Engagement des Konzerns im deutschen Bankensektor und den Risiken aus den Lebensversicherungstöchtern Victoria und Hamburg-Mannheimer. Auch die Risiken aus der hohen Beteiligung an der Allianz stören die S&P-Analysten. Schließlich, so S&P, habe das Unternehmen mit einer Schaden-und Kostenquote von 115,8 Prozent der Beitragseinnahmen über die letzten fünf Jahre im operativen Kerngeschäft Schaden-und Unfall-Rückversicherung nicht besonders gut gearbeitet. „Die Münchener Rück hat ihr Potenzial nicht ausgeschöpft“, hieß es. Die Agentur erklärte weiter, sie erwarte bald weitreichende Kapitalmaßnahmen.

Nach der Allianz, die wegen der Übernahme der Dresdner Bank weiter auf dem Prüfstand der internationalen Finanzmärkte steht, ist damit jetzt auch das Geschäftsmodell der Münchener Rück gehörig unter Druck.

Vorstand Clement Booth sagte der FTD, die Münchener Rück habe mit S&P vor einigen Monaten einen Fahrplan bis Ende 2004 für die Verbesserung der angegriffenen Kapitalausstattung erarbeitet. Die Ausgabe von Anleihen über 3,4 Mrd. Euro im April sei Teil des Plans gewesen. Außerdem habe die Münchener Rück über höhere Gewinne die Kapitalkraft wieder stärken wollen und eine Kapitalerhöhung nicht ausgeschlossen.

Warum S&P sich trotz dieses Fahrplans zur Absenkung entschloss, wollte Booth nicht kommentieren. Einer der Gründe dürfte die überraschend hohe Steuerbelastung in den ersten beiden Quartalen gewesen sein. Damit gibt es für diese Quartale keinen Gewinn, aus dem das Eigenkapital gestärkt werden könnte. „Wir werden diesen Fahrplan jetzt wohl beschleunigt umsetzen müssen“, sagte Booth.

Dabei kann der Konzern auf gute Erfolge im Kerngeschäft hinweisen. Die Schaden-und Kostenquote im ersten Halbjahr betrug in der Rückversicherung nur noch 95,9 Prozent der Beitragseinnahmen, nach 133,1 Prozent im Vorjahr – das Unternehmen macht also inzwischen im eigentlichen Kerngeschäft Gewinn. Das Wachstum gilt mit 1,5 Prozent auf 20,4 Mrd. Euro angesichts der Dollarschwäche als respektabel. Im Erstversicherungsgeschäft verbesserte sich die Quote ebenfalls – von 101,8 Prozent auf 96,0 Prozent. Der Gewinn vor Steuern im ersten Halbjahr lag bei 777 Mio. Euro, nach durch Sonderfaktoren aufgeblähten 3,5 Mrd. Euro im Vorjahr. Allerdings sorgt eine Anomalie des Steuerrechts, die Abschreibungen auf Aktien bei Lebens-und Krankenversicherern besonders belastet, zu Steuerzahlungen von 1,42 Mrd. Euro. Im Vergleichszeitraum war noch eine Gutschrift von 615 Mio. Euro angefallen. Nach Steuern ergab sich somit ein Verlust von 603 Mio. Euro, nach einem Gewinn von 4,1 Mrd. Euro.

Bis 1998 schrieb die Münchener Rück eine einzige Erfolgsstory. Aber dann begannen die Probleme: Katastrophen und andere Großschäden fielen zusammen mit dem Verfall der Aktienmärkte ab Anfang 2000. Die Bankenkrise in Deutschland traf den in diesem Bereich hochexponierten Rückversicherer besonders. Seine Expansion in den Erstversicherungsmarkt durch die Gründung der Ergo-Gruppe, die Mitte der neunziger Jahre als kluge Diversifikation galt, stellte sich angesichts der Probleme der Lebensversicherer als weitere Last heraus. Bisher hat das Gegensteuern des Vorstands unter Hans-Jürgen Schinzler nur in Teilbereichen Erfolg gezeigt. Nachfolger Nikolaus von Bomhard hat viel zu tun. Die S&P-Entscheidung könnte ihm dabei sogar helfen.

Bild(er):

Geht zum 31. Dezember 2003: Hans-Jürgen Schinzler Kommt zum 1. Januar 2004: Nikolaus von Bomhard – AP/Uwe Lein ddp/Johannes Simon.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import