Heilen, pflegen und verwöhnen

Krankenhäuser locken Patienten mit Hotelkomfort. Den Service kaufen sie zu

Früher herrschte in deutschen Kliniken ein strenges Regiment. Krankenschwestern wachten barsch über Besuchszeiten, karges Inventar erinnerte an Kasernen, und über die Qualität des Essens wagten Patienten nur hinter vorgehaltener Hand zu sprechen. Diese Zeiten sind vorbei. Heute müssen die Häuser den Patienten etwas bieten, wenn sie im Wettbewerb bestehen wollen.

„Für die Kliniken wird ein guter Service immer wichtiger“, sagt Markus Ahr vom Unternehmen Ahr Careoffice, das Dienstleistungen für die Gesundheitswirtschaft anbietet. Der Familienbetrieb setzt wie andere Firmen, die mit Speisenversorgung, Reinigung oder anderen Leistungen für Kliniken Geld verdienen, auf den Wettbewerbs- und Kostendruck in den Häusern.

Ihr Verkaufsargument: Übernehmen sie bestimmte Aufgaben, können Kliniken gleichzeitig Kosten sparen und sich mit ihrem Service von der Konkurrenz abheben. Durch straffes Zeitmanagement und den Einsatz von angelernten statt qualifizierten Kräften sollen sowohl der Kunde als auch der Anbieter profitieren. „Dieser Markt wird jetzt verteilt“, sagt Ahr.

Der Klinikmarkt steht vor gewaltigen Veränderungen. Die Einführung des neuen Abrechnungssystems nach Fallpauschalen zwingt die Krankenhäuser, so effizient wie möglich zu wirtschaften. Gleichzeitig werden auf Grund des medizinischen Fortschritts immer mehr Krankenhausaufenthalte überflüssig. Der Patient wird zum begehrten Kunden.

Eine Möglichkeit für Kliniken, mit gutem Service zu punkten, ist das Essen. Von den 40 größten Caterern in der Bundesrepublik sind 21 auf dem Krankenhaussektor aktiv. Die Großen der Branche beliefern mehr als 100 Kliniken und bieten weitere Leistungen wie Reinigung an. Das Berliner Unternehmen Dussmann setzte allein mit der Speisenversorgung von 130 Kliniken im vergangenen Jahr rund 117 Mio. Euro um, schätzt die Fachzeitschrift für Großverpflegung „GV-Praxis“. Die Düsseldorfer Unternehmensgruppe Schubert machte mit der Gastronomie für 120 Krankenhäuser 120 Mio.Euro Umsatz.

Das Familienunternehmen Ahr hat bei einem Gesamtumsatz von 75 Mio. Euro mit der gastronomischen Versorgung rund 30 Mio. Euro erwirtschaftet – also nur ein kleines Stück vom Kuchen. Jetzt will Ahr auf dem deutschen Klinikmarkt ein neues Konzept etablieren: so genannte Hotelstationen. Hier sollen Patienten, die keine intensive medizinische Betreuung brauchen, in Zimmern mit gehobener Ausstattung kostengünstig untergebracht werden. In Skandinavien ist das Konzept schon lange verbreitet. Dort haben Kliniken allerdings auch riesige Einzugsgebiete. Das ist in Deutschland allenfalls bei stark spezialisierten Krankenhäusern der Fall.

In der Bundesrepublik führen einige Häuser schon Komfortstationen für Privatversicherte und wohlhabende Patienten, die vor allem aus dem Ausland stammen. Dagegen zielt Ahr auf die Kassenpatienten. Gemeinsam mit dem finnischen Unternehmen Hospitel Ab Oy, das seit zehn Jahren in diesem Markt aktiv ist, hat Ahr Ende Mai die Gesellschaft „Abbakus“ für das neue Segment ins Leben gerufen. Der Geschäftsführer gibt sich zuversichtlich, dass sich Abnehmer finden. „Wir sind bereits mit fünf Projektpartnern im Gespräch“, berichtet Ahr. Das Konzept lohne sich vor allem für Häuser mit mehr als 200 Betten, sagt Ahr. „Das Marktpotenzial liegt in der Bundesrepublik bei rund 700 Kliniken.“

Andere Anbieter gehen einen Schritt weiter und bieten den Bau ganzer Patientenhotels an. Das Universitätsklinikum Münster plant gemeinsam mit dem Unternehmen Deutsche Patientenhotel, ein Haus eigens für Kranke zu bauen, die nur wenig Pflege benötigen, etwa einen Verbandswechsel pro Tag. „Wir wollen diesen Patienten einen besseren Service bieten“, sagt Kliniksprecherin Jutta Reising. Außerdem sei die Unterbringung in dem Hotel billiger als in einem Krankenhausbett.

Auch in der neuen Vier-Sterne-Herberge auf dem Klinikgelände sollen Pflegekräfte die Patienten rund um die Uhr betreuen. Für Notfälle stehen Mediziner aus den Universitätskliniken bereit. Das Unternehmen Deutsche Patientenhotel ist nach eigenen Angaben mit etwa 30 Krankenhäusern im Gespräch, die ähnliche Pläne wie die Münsteraner haben.

Für Dirk Völpel-Haus, den Bundesfachgruppenleiter Krankenhäuser der Gewerkschaft Verdi, sind solche Konzepte „widersinnig“. „Entweder ist der Patient entlassungsfähig oder so krank, dass er in ein Klinikbett gehört“, sagt er. Auch dem Einkauf von Dienstleistungen und dem Einsatz von fremden, meist nur angelernten Mitarbeitern steht er skeptisch gegenüber. „Die Krankenhäuser können auch mit eigenem Personal den Service verbessern“, sagt er. Diese Mitarbeiter könnten die Kliniken zudem flexibel einsetzen.

Mögliche Einsparungen sieht Völpel-Haus ebenfalls kritisch. „Wir beobachten, dass bei vielen Häusern die Kosten für die Dienstleistungen jährlich steigen.“ Nach den Tarifverträgen, die für die Servicebranchen gelten, erhalten die Beschäftigten bis zu 30 Prozent weniger Geld als das Klinikpersonal. „Das bedeutet auch 30 Prozent weniger Motivation“, sagt Völpel-Haus. Viele Dienstleister zahlen nicht einmal diesen Tariflohn.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft ist der Auffassung, dass Kliniken mit eigenem Personal unter Umständen sehr viel flexibler wären. Zwar gebe es einen Trend zum Einkauf von Dienstleistungen oder Jobverlagerung, sagt Sprecher Holger Mages. „Aber es gibt auch Häuser, die die Auslagerung von Dienstleistungen rückgängig machen“, berichtet er. Eine Klinik habe zum Beispiel festgestellt, dass die Reinigung über eine ausgelagerte Wäscherei viel zu lange dauere.

Zitat:

„Für Kliniken wird ein guter Service immer wichtiger“ – Markus Ahr, Klinikdienstleister

Bild(er):

Escherichia-Coli-Bakterien helfen im Darm bei der Verdauung. Auch aus dem Klinikalltag sind Dienstleister nicht mehr wegzudenken – Medicalpicture/Kage

Anja Krüger

Quelle: Financial Times Deutschland

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