Armon: „Versicherer haben deutlich Blut gelassen“

Der Finanzskandal in Australien sowie Sammelklagen in den USA haben einige D&O-Versicherer zuletzt viel Geld gekostet. Den nur auf dem deutschen Markt tätigen Anbietern geht es dagegen deutlich besser, sagt Marcel Armon, Geschäftsführer des Maklers Howden Germany, im Interview mit Süddeutscher Zeitung und Versicherungsmonitor. Zwar konnten sich die Versicherer mit Forderungen nach Prämienerhöhungen auf dem deutschen Markt kaum durchsetzen, für einige Unternehmen ist es dennoch schwerer geworden, Versicherungsschutz zu bekommen.

Marcel Armon glaubt, dass es im deutschen D&O-Markt zwei Lager von Versicherern gibt

© Friederike Krieger

Spektakuläre D&O-Fälle wie bei der Deutschen Bank, der Bayern LB oder VW dominieren das öffentliche Bild der Managerhaftpflichtversicherung. „Das Problem ist, dass sie nicht repräsentativ sind für den deutschen D&O-Markt“, sagt Marcel Armon, Geschäftsführer des Maklers Howden Germany, der unter anderem auf D&O-Verträge spezialisiert ist. Auswirkungen haben sie dennoch. Der Markt ist so klein, dass zwei Großschäden schon einen Großteil der jährlichen Prämien auffressen können. Der Versichererverband GDV geht für Deutschland von einem Prämienvolumen von 500 Mio. Euro aus. Armon schätzt die jährlichen Prämieneinnahmen im deutschen D&O-Markt dagegen auf 700 Mio. Euro. „Davon bleiben nach Verwaltungskosten und Provisionen gut 400 Mio. Euro übrig“, sagt er – das heißt, er rechnet mit einem Kostensatz von rund 40 Prozent.

Mit einer D&O-Deckung sichern Unternehmen ihre Vorstände, Aufsichtsräte und anderes Führungspersonal gegen die finanziellen Folgen von Pflichtverletzungen ab. Laut GDV-Zahlen schreibt die Sparte seit Jahren technische Verluste. Die Preise bleiben trotz hoher Schäden niedrig. Für 1 Mio. Euro Deckungssumme werden für einen Mittelständler mit einem Umsatz bis zu 500 Mio. Euro im Schnitt 700 Euro pro Jahr fällig, weiß Armon. Für größere und international tätige Unternehmen wird es etwas teurer. Hier kostet es bis zu 1.100 Euro.

Einige Versicherer, vor allem der US-Anbieter AIG, hatten deshalb zuletzt öffentlich angekündigt, die Prämien anheben zu wollen. In Deutschland waren sie damit allerdings nicht erfolgreich. Die Konkurrenz ist immer noch stark. Insgesamt sind mehr als 50 Anbieter auf dem deutschen Markt unterwegs, auch wenn sich einige Anbieter aus dem Londoner Lloyd’s-Markt verabschiedet haben.

Laut Armon muss man bei den in Deutschland tätigen Anbietern in der D&O-Versicherung zwei Lager unterscheiden. Da sind einmal die international tätigen Gesellschaften wie der Allianz-Industrieversicherer AGCS oder AIG. Sie hatten zuletzt mit hohen Schäden aus dem internationalen Geschäft zu kämpfen. Der Finanzskandal in Australien und Sammelklagen in den USA haben sie viel Geld gekostet. „Diese Versicherer haben deutlich Blut gelassen, vor allem in Australien“, so Armon. Sie haben deshalb die Prämien erhöht und stellen deutlich weniger Kapital zur Verfügung als früher.

Das zweite Lager stellen mittelgroße Versicherer wie VOV, R+V oder Hiscox. Bei ihnen verläuft das Geschäft laut Armon deutlich besser. „Die Lage ist bei diesen Versicherern besser, als die GDV-Statistik suggeriert“, sagt er. Diese Ansicht vertrat auch der auf D&O spezialisiert Makler Horst Ihlas im Januar auf der Euroforum Haftpflichtkonferenz in Hamburg. Die technischen Verluste, die aus den Verbandszahlen hervorgehen seien nur ein Teil des Bildes, denn hier seien hohe Rückstellungen enthalten, die letztendlich für Profitabilität sorgen könnten. Dennoch kämpfen die Versicherer zunehmend mit harten Bandagen, hat Armon beobachtet. „Einige versuchen die Fälle so in die Länge zu ziehen, dass den Unternehmen die Luft ausgeht“, sagt er.

Katastrophale Fehlentscheidung

Jüngstes Beispiel für ein sehr langes Verfahren ist der Prozess um die zivilrechtliche Haftung des Managements der Bayerischen Landesbank. Es geht um den Kauf der österreichischen Bank Hypo Alpe Adria, der sich als katastrophale Fehlentscheidung herausstellte. Die Bank will von den Ex-Vorständen – und damit ihren Versicherern – 200 Mio. Euro einklagen. Im Februar schlug die Richterin Isabel Liesegang einen Vergleich vor, nach dem das Versicherungs-Konsortium 60 Mio. Euro bis 70 Mio. Euro tragen soll, die sechs Ex-Vorstände 7 Mio. Euro bis 10 Mio. Euro. Das wären bis zu 80 Mio. Euro der geforderten 200 Mio. Euro.

Das Konsortium der D&O-Versicherer wird von XL Insurance angeführt, die 2018 von der Axa übernommen wurde. Die Versicherungssumme beläuft sich auf 105 Mio. Euro. Ein Vergleich von 70 Mio. Euro würde bedeuten, dass jeder Versicherer einwilligen muss, zwei Drittel der Summe zu zahlen, für die er haftet. XL Insurance als führender Versicherer haftet bis zu 25 Mio. Euro. Nicht jede Gesellschaft ist begeistert, heißt es bei den beteiligten Juristen.

Insolvenzverwalter sind Hauptsorge

Auch wenn sich die Versicherer mit Preiserhöhungen auf dem deutschen Markt kaum durchsetzen konnten, sei es für manche Unternehmen schwerer geworden, Versicherungsschutz für ihre Manager zu kaufen. „Unternehmen, die wenig Eigenkapital haben oder schon eine Insolvenz hinter sich haben, haben es schwerer Deckung zu bekommen“, sagt Armon. Insolvenzen sind in den vergangenen Jahren zur Hauptsorge der D&O-Versicherer geworden. Geht ein Unternehmen Pleite, schauen Insolvenzverwalter mittlerweile zuerst, ob es eine D&O-Deckung gibt und ob sie diese in Anspruch nehmen können.

Im Vergleich zu den USA oder anderen Ländern gibt es in Deutschland eine Besonderheit. Das Aktiengesetz sieht vor, dass Aufsichtsräte prüfen müssen, ob sie ein Vorstandsmitglied wegen einer Pflichtverletzung in Haftung nehmen. „Durch die Innenhaftung bekommt die D&O-Versicherung den Charakter eines Bilanzschutzes“, sagt Armon. Unternehmen sind deshalb geneigt, ihre Manager sehr schnell in Anspruch zu nehmen.

Das gestiegene Cyberrisiko bereitet mittlerweile auch den D&O-Versicherern Probleme. „Wir erwarten, dass die D&O-Versicherer das Cyber-Risiko aus ihren Policen ausschließen werden“, sagt Armon. Er hat bereits zwei Fälle gesehen, bei denen Managern nach einer Malware-Attacke vorgeworfen wird, keine Vorkehrungen getroffen zu haben. Bei einem Logistikunternehmen stand der Betrieb zwei Tage still, nachdem die IT von einem Erpressungstrojaner befallen wurde. Es entstand ein Schaden von 150.000 Euro. Die Gesellschafter versuchen deshalb, den Manager in Anspruch zu nehmen.

Patrick Hagen

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