Schweizer Versicherer stehen unter Druck

Von Herbert Fromme, Köln Schweizer Versicherungskonzerne haben zunehmend Probleme. Die Aktienkurse von Swiss Re, Rentenanstalt/Swiss Life, Zurich Financial Services und CSG verloren Mitte der Woche kräftig und konnten sich erst am Freitag etwas erholen. Der größte Lebensversicherer Swiss Life musste erneut Maßnahmen zur Stärkung des Eigenkapitals versprechen. Zu den möglichen Schritten gehört nach Auffassung vieler Branchenbeobachter auch der Verkauf des deutschen Geschäfts.

Gleichzeitig entflammte eine leidenschaftliche politische Debatte über die obligatorische betriebliche Altersversorgung, die so genannte berufliche Vorsorge. Der Streit folgte der Ankündigung der Berner Regierung, die Mindestverzinsung ab Oktober von vier Prozent auf drei Prozent zu senken. Vorausgegangen war starker Druck der Branche, vor allem des angeschlagenen Marktführers Swiss Life. Die Unternehmen können die vier Prozent einfach nicht mehr erwirtschaften und stehen in Gefahr, insolvent zu werden.

Der Hauptvorwurf gegen die Versicherer: Seit der Einführung der betrieblichen Altersversorgung 1985 hätten sie ihren Kunden bis zu 20 Mrd. Schweizer Franken vorenthalten. Manche Zeitungen sprachen von „Rentenklau“. Am Freitag bemühte sich die Branche, in die Offensive zu kommen.

Der schweizerische Versicherungsverband erklärte, dass es keine versteckten Milliarden gebe und das erwirtschaftete Geld den Kunden gutgeschrieben worden sei. Tatsächlich habe die Branche 1999 über mehr als 15 Mrd. Franken so genannter Schwankungsreserven auf das Anlagevermögen von 120 Mrd. Franken in der betrieblichen Altersversorgung verfügt. Damit ist der Unterschied zwischen Marktwert und Buchwert der Kapitalanlagen gemeint, also die Bewertungsreserven.

Diese Summe sei aber nicht durch Aktienverkäufe realisiert worden. „Es handelt sich um ein Vermögen, welches nie in Bargeld vorhanden war“, sagte Joachim Oechslin von der Winterthur. „Diese Schwankungsreserven schmolzen in den Jahren 2000 bis 2002 auf null.“ Der Grund sei der weltweite Einbruch der Börsen. Anders als in Deutschland dürfen Schweizer Versicherer bei Aktien keine „stillen Lasten“ bilden, sie müssen Wertverluste unter den Einstandspreis sofort durch Abschreibungen oder Verkauf und damit Realisierung aufdecken. Deshalb bestehe bei der heutigen Verfassung der Aktienmärkte klarer Handlungsbedarf.

Die Branche wehrte sich auch gegen Vorwürfe, sie habe mit ihrem durchschnittlichen Anlageertrag von 5,6 Prozent pro Jahr seit 1985 deutlich weniger als die nach dem so genannten Pictet-Index möglichen 6,5 Prozent erzielt. Das liege daran, dass Versicherer die ersten drei Jahre nur fünf Prozent in Aktien halten durften und dass sie vorsichtiger anlegen müssten als andere Investoren, um die Garantie zu erwirtschaften, sagte Oechslin. Seit sechs Jahren liege der Zinssatz für risikolose Anlagen, zum Beispiel in Schweizer Staatsanleihen, unter den garantierten vier Prozent – zurzeit sind es 3,2 Prozent. „Die geforderte Mindestrendite von vier Prozent ist unrealistisch und zwingt zu risikoreichen Anlagen.“

Sollten die drei Prozent beibehalten werden, führt das bei einem heute 35-jährigen Mann mit 20 000 Franken privater Rente im Jahr zu einer Kürzung um 16,4 Prozent, haben die Versicherer errechnet.

Statt einer dauerhaften Absenkung treten sie für ein flexibles Modell ein, bei dem sich der Mindestzins am jeweiligen Stand von risikoarmen Anlagen orientiert. Außerdem, gestehen Branchenvertreter selbstkritisch ein, habe es bislang an der nötigen Transparenz gemangelt.

Zitat:

„Die Schwankungsreserven schmolzen auf null“ – J. Oechslin, Winterthur.

Quelle: Financial Times Deutschland

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