Tausendmal ist nichts passiert

Europa fühlt sich sicher vor Erdbeben. Zu sicher, glaubt die Ratingagentur AM Best. Selbst moderate Erdstöße könnten hier schon zu hohen Schäden führen, warnt sie

Patrick Hagen A m 18. Oktober 1356 erlebte die Basler Bevölkerung ein Erdbeben, wie es zuvor in Mitteleuropa nicht vorgekommen war. Die meisten größeren Häuser der Stadt und zahlreiche Burgen im Umland stürzten ein oder brannten in der folgenden Feuersbrunst ab. Bis heute begehen die Basler den Jahrestag der Katastrophe.

Die Risikoexperten der Versicherungswirtschaft interessieren sich nicht so sehr aus historischen Gründen für das Erdbeben. Sie rechnen vielmehr damit, dass sich eine solche Katastrophe wiederholen kann. Auf mehr als 70 Mrd. $ schätzt das US-Unternehmen Risk Management Solutions aus Newark in Kalifornien den Sachschaden, falls Erdstöße Basel heute so erschüttern würden wie vor fast 652 Jahren. Das Szenario haben die Katastrophenexperten für eine Studie zur Erdbebengefahr in Europa berechnet, die von der renommierten US-Ratingagentur AM Best vorgelegt wurde.

Nur: Die Gefahr eines großen Erdbebens in Europa wird unterschätzt. Während in den USA und besonders in Kalifornien der nächste schwere Schlag fest eingeplant ist, fühlen sich die Europäer sicher. In Italien oder der Türkei, die zu den gefährdetsten Ländern Europas gehören, sind weniger als 30 Prozent der voraussichtlichen Schäden eines Erdbebens versichert, das mit einer Wahrscheinlichkeit von einmal in 200 Jahren auftritt.

In den meisten anderen Ländern Europas ist die Quote noch geringer. In Deutschland sind etwa zehn Prozent der Gebäude gegen Erdbeben versichert. Eine Ausnahme ist Belgien, das noch immer eine Pflichtversicherung hat. Auch die Schweiz diskutiert über eine verbindliche Erdbebendeckung.

Dabei müsste die Erde in Europa gar nicht so stark beben wie etwa 1906 in San Francisco, um schwere Schäden zu verursachen. Die stark konzentrierten Werte und die Beschaffenheit der Erdkruste sorgen dafür, dass schon moderate Erdstöße Schäden von mindestens 10 Mrd. $ verursachen würden, so AM Best. Außerdem hätte ein Großbeben hier, wo eine solche Katastrophe nicht eingeplant ist, höhere Schäden zur Folge als in einer seismisch aktiveren Region, da die Infrastruktur nicht auf die Bedrohung ausgerichtet ist.

Auch wenn das Risiko eines schweren Erdbebens in Europa klein scheint, müssen die Versicherer und Rückversicherer sich jetzt damit auseinandersetzen. Dafür sorgt die Einführung einheitlicher Vorschriften zur Kapitalausstattung unter dem Solvency-II-Regime der EU. Im dritten Testlauf zu Solvency II prüften die europäischen Versicherungsaufseher auch die Auswirkungen von Erdbeben auf die Assekuranz. Für Italien hatten sie ein Szenario mit einem versicherten Schaden von 8 Mrd. Euro vorgesehen, die in Frankreich tätigen Versicherer mussten gar 15 Mrd. Euro aushalten.

Europäer haben schon in der Vergangenheit in der Folge von Erdbeben einen hohen Preis bezahlen müssen. Ein Beispiel dafür sind die Erdstöße, die Lissabon im Jahr 1755 verwüsteten. Sie trugen dazu bei, dass Portugal aus der Riege der Kolonialmächte verschwand.

Zitat:

“ In gefährdeten Ländern wie Italien sind weniger als 30 Prozent der Schäden versichert“

“ „

“ „

Quelle: Financial Times Deutschland

Dieser Beitrag ist nur für Premium-Abonnenten vom Versicherungsmonitor persönlich bestimmt. Das Weiterleiten der Inhalte – auch an Kollegen – ist nicht gestattet. Bitte bedenken Sie: Mit einer von uns nicht autorisierten Weitergabe brechen Sie nicht nur das Gesetz, sondern sehr wahrscheinlich auch Compliance-Vorschriften Ihres Unternehmens.

Diskutieren Sie mit