Hersteller wollen ersten Zugriff auf Autodaten

Die Kfz-Versicherer warnen vor einem Datenmonopol der Autohersteller. Manager der beiden führenden Gesellschaften HUK-Coburg und Allianz forderten auf einer GDV-Veranstaltung in Berlin einen freien Zugang zu den Daten in modernen Autos. Ein Vertreter des Autoverbands VDA versprach einen diskriminierungsfreien Zugang für Unternehmen aus anderen Branchen. Allerdings müsse der erste Zugriff aus Sicherheitsgründen den Herstellern vorbehalten sein. Eine wichtige Rolle spielte auf der Veranstaltung außerdem die Frage, wie die Verantwortung für einen Unfall bei teilautonomem Fahren sichergestellt werden kann.

Diskutierten über das autonome und vernetzte Fahren (von links): Ulrich Klaus Becker, Udo Di Fabio, Kurt-Christian Scheel, Mark Vollrath von der Universität Braunschweig, Wolfgang Weiler und Moderator Marco Seiffert

© Jonas Tauber

Auf dem Weg zum zunehmend automatisierten und vernetzten Fahren warnen Vertreter der Versicherungswirtschaft vor einem Monopol der Hersteller beim Zugriff auf die Fahrzeugdaten. „Dann gehen die Preise hoch“, sagte Jörg Rheinländer vom führenden Kfz-Versicherer HUK-Coburg auf dem GDV-Symposium „Automatisiertes und vernetztes Fahren – schöne neue Welt!?“ in Berlin. „Deshalb ist es wichtig, dass der Datenzugang offen bleibt.“ Nötig sei ein Zugriff auf die Informationen in Echtzeit. Rheinländer trat gemeinsam mit Frank Sommerfeld auf, Vorstand beim Rivalen Allianz. „Wir beide wissen, was Wettbewerb bedeutet“, sagte Sommerfeld und warnte vor den Folgen monopolistischer Strukturen. Allianz und HUK-Coburg sind die beiden führenden Autoversicherer in Deutschland, zurzeit liegt die HUK vor der Allianz.

Die Hersteller wollen nach eigenen Angaben interessierten Unternehmen einen diskriminierungsfreien Datenzugang bieten, wollen sich den Erstzugriff aber aus Sicherheitsgründen vorbehalten. „Jede Schnittstelle ist ein potenzielles Einfallstor für Hacker“, sagte Kurt-Christian Scheel vom Verband der Automobilhersteller (VDA). Aus seiner Sicht sei es deshalb auch nicht zielführend, zwischen sicherheitsrelevanten Daten und solchen Daten ohne Sicherheitsrelevanz zu unterscheiden. Zuvor hatte ein Vertreter des ADAC genau dafür plädiert. „Es stellt sich die Frage, woher die Befugnis kommt, über Daten zu verfügen, die nichts mit Sicherheit zu tun haben“, sagte Ulrich Klaus Becker vom ADAC. „Da muss man eine Grenze ziehen.“

Für die Autoversicherer ist die Frage ein entscheidender Punkt auf dem Weg zum autonomen Fahren. Schon heute machen die Autohersteller ihnen Konkurrenz im Kerngeschäft Versicherung und die Assekuranz fürchtet, dass sie weitere Marktanteile an die Hersteller verliert. Dabei spielt auch der automatisierte Notruf E-Call eine Rolle, der seit März 2019 Pflicht für neue europäische Fahrzeugmodelle ist. Bei einem Unfall setzt der E-Call selbständig einen Notruf ab. Die Hersteller könnten die verbaute Technik nutzen, um ihrerseits Telematik-Tarife auf den Markt zu bringen.

Schwierige Zuordnung der Verantwortung

Für Juristen ist eine zentrale Herausforderung auf dem Weg zum zunehmend autonomen Fahren, wie die geteilte Verantwortung von Technik und Mensch bei teilautonomen Fahrzeugen möglichst klar geregelt wird. „Deshalb brauchen wir eine Aufzeichnung im Fahrzeug“, sagte Udo Di Fabio, früherer Richter am Bundesverfassungsgericht und Vorsitzender der Ethik-Kommission Automatisiertes und Vernetztes Fahren der Bundesregierung. „Wir brauchen eine verlässliche Dokumentation, was in einem Fahrzeug geschieht.“

GDV-Präsident Wolfgang Weiler äußerte Zweifel daran, dass sich in der Praxis immer eine klare Grenze zwischen Fällen ziehen lässt, in denen einerseits die Maschine und andererseits der Mensch einen Unfall zu verantworten haben. „Da wird es Grauzonen geben“, sagte er. Entscheidend sei für Unfallopfer, dass über das geltende Haftungsrecht die Erfüllung ihrer Ansprüche sichergestellt sei. Ob ein Versicherer dann im zweiten Schritt den Hersteller und dessen Produkthaftpflicht in Regress nimmt oder nicht, interessiere Betroffene schließlich nicht.

Der GDV geht davon aus, dass fortschrittliche Systeme in modernen Autos das Schadenaufkommen in der Haftpflichtversicherung bis 2035 im optimistischen Fall um bis zu 25 Prozent reduzieren können, in der Kaskoversicherung liege der Wert bei der Hälfte. Dabei spielt eine Rolle, dass sich neue Assistenzsysteme erfahrungsgemäß eher langsam auf dem Markt verbreiten. Laut der GDV-Untersuchung haben bei der Senkung des Schadenaufkommens der Park- und Rangierassistent, der Notbremsassistent und – mit einigem Abstand – der Spurwechselassistent den größten Einfluss.

Jonas Tauber

Dieser Text ist nur für Abonnenten von Herbert Frommes Versicherungsmonitor Premium persönlich bestimmt. Das Weiterleiten der Inhalte – auch an Kollegen – ist nicht gestattet. Bitte bedenken Sie: Mit einer von uns nicht autorisierten Weitergabe brechen Sie nicht nur das Gesetz, sondern sehr wahrscheinlich auch Compliance-Vorschriften Ihres Unternehmens.


Kategorien: Allgemein, Analyse, Top News, Versicherer

Diskutieren Sie mit