Zurich fürchtet Vertrauensverlust

Zurich-Konzernchef Martin Senn muss um die Reputation des Unternehmens bei Anlegern und Großkunden kämpfen. Die Schlammschlacht um die wahren Gründe für den Suizid von Finanzchef Pierre Wauthier und den Abgang des Verwaltungsratspräsidenten Josef Ackermann droht zu einer ernsthaften Bedrohung zu werden.

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Zurich-Chef Martin Senn muss darum kämpfen, dass der Ruf des Konzerns keinen Schaden nimmt

© Zurich

Freunde waren sie wohl nie, jetzt ist auch nicht mehr viel Respekt geblieben. Das Verhältnis zwischen Zurich-Chef Martin Senn und dem ausgeschiedenen Verwaltungsratspräsidenten Josef Ackermann, vorher Konzernlenker der Deutschen Bank, ist zerrüttet. In Interviews, die Senn gibt, zeigt er viel Anteilnahme am Tod des Finanzchefs Pierre Wauthier, der sich am 26. August 2013 das Leben nahm. Für Ackermann, der zwei Tage später zurücktrat, kein Wort des Dankes. Senn erwähnt ihn nur im Kontext des Rücktritts. Er sei Ackermanns eigene Entscheidung gewesen.

Senn muss gegen den fatalen Eindruck ankämpfen, dass die Vorgänge mit möglichen Problemen in den Bilanzen des Unternehmens zu tun haben.  Wauthier hinterließ einen Abschiedsbrief voller Vorwürfe gegen Ackermann. Über die Vorgänge werden inzwischen zwei Interpretationen gestreut: Ackermann habe von Wauthier eine beschönigende Darstellung der Halbjahreszahlen verlangt. Die gegenteilige Interpretation – aus dem Ackermann-Lager: Ackermann habe bei  Wauthier dagegen protestiert, dass die Zahlen zu günstig dargestellt worden seien.

Diese Behauptung ist Sprengstoff für die Zurich. Sie muss sich ohnehin gegen den Ruf wehren, im Ergebnis hart am Wind zu segeln. Das Unternehmen gilt als Muster für Transparenz und gute Bilanzierung – hatte sich aber nach Ansicht von Analysten unter dem langjährigen Vorstandschef James Schiro angewöhnt, bei Reservierungen eher knapp zu rechnen. Senn versucht seit seinem Amtsantritt 2010, konservativer vorzugehen. Er kann es sich aber nicht leisten, Anleger zu enttäuschen und die Dividenden zu kürzen. Dividendenhöhe und -kontinuität sind wichtige Markenzeichen der Zurich im Kapitalmarkt. Angesichts von Niedrigzinsen und hoher Volatilität gerade im Haftpflichtbereich ist das keine leichte Aufgabe.

Das Vertrauen der Anleger ist von größter Bedeutung – vor allem weil die Zurich mehr als eine Krise hinter sich hat. 2002 stand das Unternehmen am Abgrund, weil Konzernlenker Rolf Hüppi überexpandiert hatte und auch ins Investmentbanking eingestiegen war. 2010 musste die Zurich 455 Mio. Dollar (355 Mio. Euro) Entschädigung an Kunden der US-Versicherungsvereine Farmers zahlen, die Zurich managed. Kunden fanden, dass diese Dienstleistung zu teuer erbracht wurde. 2011 und 2012 trafen Rückstellungen für das deutsche Berufs- und Krankenhaushaftpflichtgeschäft das Unternehmen mit fast einer Milliarde Euro.

Bei Analysten wächst angesichts der Vorgänge um Wauthier und Ackermann das Misstrauen. Das zeigte die Telefonkonferenz der Zurich mit Analysten am 30. August, die wir hier dokumentieren. Die Stimmung ist angespannt – fast aggressiv. „Die Halbjahresergebnisse waren etwas gemischt, aber wir sind weiterhin sehr profitabel und haben einen gesunden Cashflow“, sagte Senn. „Wir haben eine gesunde und widerstandsfähige Bilanz und eine Solvenz, die sehr gut innerhalb unserer Bandbreite liegt.“ Und schließlich: „Wir halten jedes Wort aufrecht, das wir bei der Vorstellung der Halbjahreszahlen gesagt haben.“

 

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Die Verteilung der Prämieneinnahmen von Zurich weltweit

© Louis Migual Bugallo Sánchez, Quelle: Geschäftsbericht Zurich Insurance Group 2012

Michael Huttner von J.P. Morgan regt an, Zurich könne doch die Erwartungen etwas herunterschrauben. Senn reagiert ungehalten und sieht keine Notwendigkeit. Alles sei in Ordnung bei Buchhaltung und Darstellung. „Jeder Kommentar, diese Vorgänge in einen Zusammenhang mit den Ergebnissen zu bringen, ist vollständig grundlos.“

Analyst Andrew Ritchie erkundigt sich nach den vielen Personalwechseln auf Vorstandsebene und darunter. „Da gibt es kein Muster“, sagt Senn. Der Personalwechsel in den Topetagen liege auf Marktniveau. Ralph Hebgen von der Bank KBW fragt, wann das Unternehmen bestimmte Ereignisse veröffentlichen müsse – etwa die hohe Belastung in Deutschland. Senn: „Ich will darauf nicht antworten, wir werden das außerhalb dieser Konferenz besprechen.“

Weitere Fragen bleiben unbeantwortet. „Wie reagieren sie auf Sorgen in Zusammenhang mit der Finanzberichterstattung? Wir haben es hier ja mit dem CFO zu tun“, sagt Thomas Seidl von Bernstein. Senn antwortet verärgert: „Ich dachte, ich hätte es klargemacht, dass die jüngsten Ereignisse nichts zu tun haben mit der Art und Weise, wie wir berichten, auch nicht mit der Qualität unserer Finanzberichte und ihrem Wahrheitsgehalt.“

Patrick Noel von Groupama fragt sich, warum die Zurich in den letzten vier Quartalen immer von Sonderfaktoren betroffen wurde. „Vielleicht hatten Sie ja Pech, aber andere große Versicherer haben nicht so viele Probleme.“ Vielleicht gebe es ja fundamentale Probleme bei der Zurich. Das werde man später im Einzelgespräch beantworten, sagt Senn nur.

Text: Herbert Fromme, Grafik: Merlin Schulz


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