Costa: Tauziehen um Totenschiff

In Italien gibt es heftigen Krach um die Frage, wo das Wrack der “Costa Concordia” zerlegt werden soll. Drei Häfen bewerben sich. In einem müssten die Versicherer erst noch die Vertiefung des Hafenbeckens bezahlen.

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Nach einem Jahr und neun Monaten soll das Wrack der Costa Concordia jetzt geborgen und zerlegt werden. Wo ist noch unklar

© Munich Re

Das am 13. Januar 2012 dank unorthodoxer Manöver des Kapitäns Francesco Schettino gekenterte Kreuzfahrtschiff Costa Concordia dürfte die Welttransportversicherer nach neuester Einschätzung rund 1 Mrd. US-Dollar (750 Mio. Euro) allein für die Bergung des Wracks kosten. Dazu kommen der Haftpflichtschaden – Entschädigungen für Passagiere und Besatzung – sowie die Zahlung für das Schiff selbst, das mit 500 Mio. Dollar versichert war. Die Gesamtrechnung für die Assekuranz nähert sich 1,7 Mrd. Dollar. Betroffen sind unter anderem Allianz und Munich Re sowie die P&I-Clubs, die auch für die Beseitigung des Wracks aufkommen müssen – und ihrerseits rückversichert sind.

Früher hätte man es wohl bei einem bloßen Abpumpen der 5000 Tonnen Bunkeröl und der Bergung der an Bord verbliebenen Leichen belassen und das dann über Jahrzehnte vor sich hin rostende Wrack zur Touristenattraktion der Isola di Giglio erklärt. Heute bestehen die italienischen Behörden entsprechend drastisch verschärfter – zum Teil aus EU-Recht stammender – Normen auf einer vollständigen Wrackbeseitigung. Es scheint, als verstünden die Behörden darunter sogar die Vertiefung eines Hafenbeckens für über 200 Mio. Euro.

Als erster Schritt soll am heutigen Montag das auf einer Seite liegende Schiff wiederaufgerichtet und mittels stählener Senkkästen, der Caissons, tief im Wasser liegend flott gemacht werden, ein Vorgang, der in der Sprache der Salvage Operators „parbuckling“ heißt. Die Bergungsunternehmen müssen dabei mit schlechtem Wetter kämpfen.

Was nach diesem ersten Akt geschehen soll ist jedoch unklar. Es wetteifern gleich drei potentielle Häfen als Destination des auseinanderzuschneidenden Wracks: in der bei langsamer Fahrt zwei Tage entfernten Toskana die Häfen Livorno und Piombino, außerdem 13 Reisetage entfernt auch noch Palermo in Sizilien. Es streiten sich also drei Abwrackhäfen um ein einziges Schiff, das allerdings 300 Meter lang ist.

Die Gewerkschaften und Hafenbehörden in Palermo erklären, das Wrack könne dort für bloße 45 Mio. Euro zerschnitten werden, das Hafenbecken sei groß und tief genug, und die dortigen Werftarbeiter hätten derzeit eh keine Aufträge mehr.

In Piombino ist das Hafenbecken zu flach, müsste also vertieft werden. Insgesamt würde das Projekt dort 260 Mio. Euro bis 330 Mio.  Euro verschlingen, von denen ein Großteil für die Vertiefung des Hafenbeckens draufgehen würde. Es sieht so aus, als versuche die italienische Regierung unter dem Vorwand einer gesetzestreuen Wrackentsorgung in unmittelbarer Nähe des Unfallorts, die Transportversicherer zu verpflichten, mehr als 200 Mio. Euro an Infrastrukturmaßahmen zu schultern.

Für die Transportversicherer sähe das ideale Szenarium wohl so aus, dass es mit Hilfe der  Gewerkschaften in Palermo gelingt, Sizilien zur Destination zu machen, anschließend aber das Wrack während der langen Überfahrt bedauerlicherweise in einen Sturm gerät und an möglichst tiefer Stelle in internationalen Gewässern außerhalb der Jurisdiktion Italiens sinkt. Dies wäre dann ein seltener Fall, wo der Verlust eines Schiffs der Branche zum Vorteil gereicht.

Hinter der italienischen Reederei Costa steckt der in Miami ansässige börsennotierte Kreuzfahrtkonzern Carnival Cruises. Er versucht die Konzernzugehörigkeit aus den Schlagzeilen zu halten.

Philipp Thomas


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