Industrieversicherung
Risikomanager: Mehr als der Versicherungsfritze
Langweilig, verstaubt, unsexy – das ist das Bild, das viele junge Leute von der Versicherungsbranche haben. Industrieversicherer, Makler und die Versicherungseinkäufer in den Unternehmen merken das bei der Nachwuchsgewinnung. Die Branche ist bei Studierenden lange nicht so beliebt wie Jobs bei Beratern. Wie sich das ändern könnte, diskutierten junge Leute mit erfahrenen Risikomanagern auf dem Symposium des Gesamtverbands der versicherungsnehmenden Wirtschaft in München.
Howden Re: Solar ist das neue Öl
Der Rückversicherungsmakler Howden Re sieht viel Potenzial für Rückversicherer in erneuerbaren Energien. Nicht nur weil umweltfreundliche Energiegewinnung essenziell ist, um unseren Planeten zu retten, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen seien Solar, Wind und Co. eine rentable Alternative zu fossilen Brennstoffen, schreibt Howden Re in einem aktuellen Bericht.
Industrieversicherung: Krisen hallen nach
Die Coronapandemie und der Krieg in der Ukraine haben der Wirtschaft ordentlich zugesetzt, auch die Zahl der Elementarschäden steigt. Diese Krisen merken auch die Industrieversicherer, die die vergangenen Jahre damit verbracht haben, sich der Lage in den verschiedenen Segmenten anzupassen, ob mit Prämienerhöhungen oder Ausschlüssen. Für die Unternehmen bedeutet das eine herausfordernde Erneuerungsrunde zum Jahreswechsel, schreibt der Industrieversicherungsmakler Südvers in einem aktuellen Marktbericht.
Cyber: Stabilität wichtiger als Preise
Der Wettbewerb in der Cyberversicherung wird intensiver, die Preise sinken wieder. Dafür sorgen auch die zahlreichen Assekuradeure, die auf den Markt kommen. Während manche Kunden die Preissenkungen dankbar mitnehmen, nutzen andere Unternehmen sie, um in den vergangenen Jahren reduzierte Kapazitäten wieder einzukaufen, hieß es auf dem GVNW-Symposium zur Industrieversicherung. Statt niedriger Prämien seien manchen Unternehmen allerdings langfristig stabile Preise und die Bereitschaft der Versicherer zu mehrjährigen Verträgen wichtiger.
Scor: Keine großen Sprünge in der Cyberversicherung
Wohl in kaum einer Sparte ist die Deckungslücke so groß wie in der Cyberversicherung. Dennoch werde das Kapazitätsangebot vor allem aufgrund der Kumul-Problematik weiter nur in Maßen wachsen, erwartet Scor-Chef Thierry Léger. Der französische Rückversicherer muss derzeit seine Lebensrückversicherung sanieren. Ob es nach dem Halbjahresverlust für schwarze Zahlen am Jahresende reichen wird, ist noch unklar.
Makler fordern mehr Unterstützung für Ukraine
Die Makler- und Beratungskonzerne Aon und Marsh McLennan fordern von der globalen Erst- und Rückversicherungsbranche mehr Engagement, was die Unterstützung der Ukraine angeht. Insbesondere gehören pauschale Risikoausschlüsse abgeschafft, fordern die beiden Konkurrenten in einem konzertierten Aufruf an die Branche. Oft würden Ukraine-Risiken sowie Risiken mit Bezug zu Russland und Weißrussland in einen Topf geworfen werden, kritisieren sie.
Soziale Inflation führt zu Kapazitätsengpässen
Der Trend zu immer höheren Schadenersatzurteilen vor Gericht treibt die US-Haftpflichtschäden immer weiter in die Höhe. Unternehmenskunden müssen in der Folge nicht nur mehr für ihre Haftpflichtversicherungen zahlen, sondern leiden auch unter schrumpfenden Kapazitäten, zeigt eine Studie des Rückversicherers Swiss Re. Die sogenannte soziale Inflation ist vor allem in den USA ein Problem, aber auch in Großbritannien, Australien, und Kanada und einigen europäischen Ländern auf dem Vormarsch, berichten die Swiss Re-Experten Jérôme Jean Haegeli (links) und Gianfranco Lot beim Rückversicherungstreffen in Monte Carlo.
Munich Re: „Die KI wird immer Fehler machen“
Künstliche Intelligenz (KI) wird in immer mehr Unternehmen genutzt und auch für kritische Entscheidungen eingesetzt. Deswegen erwartet der Rückversicherer Munich Re, dass bald erste Schäden aus Sammelklagen auftreten könnten, weil die KI Fehler gemacht hat. Sie sind in traditionellen Policen nicht explizit abgedeckt, was zu Unsicherheiten über den Versicherungsschutz führen kann – Stichwort „Stille KI“. Auch Ausschlüsse auf Seiten der Versicherer sind zu erwarten, glaubt Alexandra Matthews von Munich Re.
GVNW: Datenplattform sucht Geldgeber
Die vom Gesamtverband der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW) initiierte Datenaustauschplattform für die Industrieversicherung steht vor einer entscheidenden Hürde. In den kommenden Monaten müssen der GVNW und seine Mitstreiter genügend Geldmittel für den Aufbau der Plattform einwerben. Der Verein, der die Plattform betreiben soll, soll bis zum Jahresende gegründet werden. Die Hauptlast bei der Finanzierung sollen die Versicherer tragen.
AIG-Manager Lillelund wird AGCS-Chef
Exklusiv Thomas Lillelund, zurzeit Europachef bei AIG, soll nach Informationen des Versicherungsmonitors Chef des Industrieversicherers Allianz Global Corporate & Specialty (AGCS) werden. Die Allianz wollte dazu nicht Stellung nehmen. Bis Anfang August war Petros Papanikolaou CEO der AGCS. Er wurde abberufen, bleibt aber im Konzern. Aktuell führt Chris Townsend, Vorstandsmitglied der Allianz SE und dort für die Industrieversicherung zuständig, zusätzlich die AGCS.
Haftpflicht: Keine Prämieneinsparungen wegen PFAS
Nach einigen Jahren des harten Marktes zeigen sich in der industriellen Haftpflichtversicherung wieder Entspannungstendenzen bei den Preisen. Darüber waren sich Expertinnen und Experten beim Spartendialog Haftpflichtversicherung auf dem Symposium des Gesamtverbands der versicherungsnehmenden Wirtschaft einig. Allerdings gibt es Ausnahmen. Für Gesprächsbedarf zwischen Industrie, Maklern und Versicherern sorgen die sogenannten Ewigkeitschemikalien PFAS und die EU-Regulatorik.
Buberl: Raus aus Preiserhöhungsspirale
Versicherer und ihre Industriekunden müssen angesichts neuer systemischer Risiken wie Cyber oder Pandemien viel mehr Geld und Energie in präventive Maßnahmen stecken statt sich auf der einen Seite über steigende Preise zu ärgern oder auf der anderen Seite mit Ausschlüssen zu reagieren. Das sagte Axa-Chef Thomas Buberl auf dem Symposium des Gesamtverbands der versicherungsnehmenden Wirtschaft in München. Eine gute Lösung sieht er in Public-Private-Partnerships zwischen öffentlicher Hand und Privatwirtschaft.
BMW-Finanzchef ermahnt die Versicherer
Von Versicherern festgelegte ESG-Kriterien dürfen kein Argument sein, wenn es um das Reduzieren oder das Versagen von Versicherungsschutz geht. Das sagte Walter Mertl, Finanzchef des Autobauers BMW, beim Fachsymposium des Gesamtverbandes der versicherungsnehmenden Wirtschaft (GVNW). Stattdessen sollte die Branche mit einer mutigeren Zeichnungspolitik den Strukturwandel unterstützen. Der BMW-Vorstand sagte auch, dass sein Unternehmen die RD-X-Initiative des GVNW unterstützt und dies auch von seinen Versicherern erwartet.
GDV: Versicherte Cyberschäden steigen deutlich
Die Cyberversicherer in Deutschland bekommen deutlich zu spüren, dass sich die IT-Bedrohungslage hierzulande zuletzt verschärft hat, berichtet der Versichererverband GDV. Die Schaden- und Kostenquote, die 2022 bei profitablen 77,7 Prozent gelegen hatte, ist im vergangenen Jahr um knapp 20 Prozentpunkte gestiegen. Die GDV-Zahlen bilden den Markt allerdings nicht vollständig ab, in der Statistik fehlt unter anderem die Allianz-Industrieversicherungstochter AGCS, die kein Verbandsmitglied ist.













